Offener Brief an Martin Kind, Präsident Hannoverscher Sportverein von 1896 e.V.

Hannover, 07.02.13

Sehr geehrter Herr Kind,

wir schreiben Ihnen, da wir angesichts der aktuellen Entwicklungen rund um unseren Verein sehr besorgt sind! Wir sind Schüler und Studenten, Angestellte, Arbeiter, Beamte, Akademiker und Arbeitssuchende. Wir sind Männer und Frauen. Uns alle verbindet in erster Linie die Leidenschaft für Hannover 96 und den Fußballsport. Viele von uns besitzen seit vielen Jahren Dauerkarten auf der Nord- oder Westtribüne. Andere können aus den unterschiedlichsten Gründen nur gelegentlich das Stadion besuchen. Einige von uns reisen der Mannschaft überall hinterher. Gerade jetzt, in den schönen Zeiten des Europapokals, kommen da immense Jahreskilometerleistungen zusammen, von den Kosten ganz zu schweigen. Viele geben für ihre Leidenschaft Hannover 96 mehr Geld aus, als sie haben. Gesamtjahresreisekosten von mehreren tausend Euro sind wohl eher die Regel als die Ausnahme bei vielen von uns. Für Geringverdiener, Schüler, Studenten und Familien ist dies nur schwer zu finanzieren. Und doch schaffen wir es irgendwie und wir beschweren uns nicht, denn wir tun es für unsere Liebe und unsere Leidenschaft.

Derzeit hinterfragen viele allerdings ihr persönliches Engagement rund um Hannover 96, da sie von den von Ihnen ergriffenen Maßnahmen gegen 96-Fans teilweise persönlich betroffen sind, aber auch, weil wir diese Maßnahmen grundsätzlich vollumfänglich ablehnen, da sie mit unserem Rechtsverständnis unvereinbar sind und das Stadionerlebnis, wie wir es lieben und schätzen gelernt haben, in seiner Existenz gefährden.

Unser Rechtsverständnis:

Kollektivstrafen oder Sippenhaft sind im deutschen Rechtssystem nicht vorgesehen. Fußballfans sehen sich aber durch Verbände und Vereine immer wieder Bestrebungen ausgesetzt, derartiges Vorgehen außerhalb der gültigen Rechtsnormen zu etablieren. Die Diskussionen rund um das Konzeptpapier “Sicheres Stadionerlebnis” haben gezeigt, dass es seitens der Verbände und einiger Vereine Ansätze gibt, eine Parallelgerichtsbarkeit zur geltenden Strafgerichtsbarkeit des Bundes und der Länder aufzubauen, die auch in hoheitliche Bereiche vordringt und ihr eigentlich angestammtes Gebiet, nämlich die Sportgerichtsbarkeit, unrechtmäßig verlässt. Auch aus der Politik kamen Forderungen, die weder mit einem demokratischen Rechtsstaat wie unserem, noch mit der Realität in deutschen Stadien vereinbar sind. So forderte der scheidende niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann Richter und Staatsanwälte im Stadion, „damit es so schnell wie möglich zu Verurteilungen und Stadionverboten kommt.“ (Quelle: Echo-Online.de, 05.12.12). Hierzu erübrigt sich jeder weitere Kommentar!

Leider sind es aber nun Sie, Herr Kind, der sich an einer Kollektivstrafe versucht, obwohl sogar das schlussendlich verabschiedete und von Ihnen unterschriebene Papier zum „Sicheren Stadionerlebnis“ sich ausdrücklich gegen Kollektivstrafen und für täterorientierte Ansätze ausspricht. Die von Ihnen ergriffene Maßnahme ist weder angemessen noch effektiv und hat dazu geführt, dass viele Besucher auch aus anderen Stadionteilen das nächste Europa-League-Heimspiel nicht besuchen werden. Viele haben dies bereits in verschiedenen Foren angekündigt und auch in persönlichen Schreiben dem Verein mitgeteilt.

Auch die häufig praktizierte Weitergabe von persönlichen Daten, sei es von der Polizei an Vereine oder andersherum, ist mit geltendem Recht unvereinbar, wird jedoch regelmäßig betrieben. Datenschützer und Fananwälte weisen seit Jahren wiederholt auf diese Missstände hin.

Darüber hinaus wurden innerhalb des letzten Jahres mehrfach Spruchbänder und Flyer von Ihnen bzw. Ihren Mitarbeitern verboten, die sich kritisch mit den Aktivitäten des “Vereins” auseinandersetzten. Strafrechtliche Relevanz besaßen diese nicht, sondern sie waren Ausdruck einer kritischen Gegenöffentlichkeit, die man durch Verbote im Stadion mundtot zu machen versucht. Eine starke und pluralistische Gesellschaft lebt von Kritik und Kritikfähigkeit, Konflikt und Kompromiss. Dies gilt unserer Meinung nach auch für den Verein und diese Überzeugung endet nicht am Stadiontor.

Unser Stadionerlebnis:

Die einzelnen Unterzeichner dieses Briefs erleben ein Fußballspiel auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Die einen verfolgen das Spiel im Sitzen von einer der Tribünen, während andere wiederum im Fanblock stehen, singen und Fahnen schwenken, um die Mannschaft zu unterstützen. Jede Art des Stadionbesuchs hat ihre Daseinsberechtigung und diese Vielfalt ist das, was Stadionbesuche in Deutschland einzigartig macht. Der Stadionbesuch wird dadurch zum Kulturgut, das es zu schützen und zu bewahren gilt – mit seiner Vielfalt und seinen unterschiedlichen Charakteren. Für uns sind Fußball und Hannover 96 kein Premiumprodukt, kein Investment, keine Marke. Für uns ist es mehr! Für die einen die schönste Nebensache der Welt. Für die anderen gar das Leben. Die von Medien und Politik häufig propagierte Gewaltproblematik in deutschen Stadien gibt es nicht. Der Besuch eines Fußballspiels ist heute so sicher wie nie zuvor. Es kommt zwar gelegentlich zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, allerdings geschieht dies meist auf der An- und Abreise und höchst selten im Stadion. Dies zu verharmlosen ist ausdrücklich nicht unser Anliegen, doch muss auch festgehalten werden, dass es derartige Vorfälle gibt, seit es den Fußball als Volkssport gibt und diese sich bei den vielen Millionen Besuchern, die die Spiele der Bundesligen jährlich besuchen, leider niemals auf null werden reduzieren lassen. Die Daten der „Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze“ (ZIS), die angeblich eine Eskalation der Gewalt belegen sollen, sind zudem von Experten mehrfach als manipulativ und nicht aussagekräftig entkräftet worden. Es besteht also kein Grund für Aktionismus, sondern eine realitätsnahe und unvoreingenomme Betrachtung der Faktenlage ist angezeigt.

Die aktuellen Geschehnisse:

Vergangenen Freitag (01.02.13) stand das Bundesliga-Auswärtsspiel in Bremen an. Ein Ziel, das immer von besonders vielen 96-Fans angefahren wird. Doch im Auswärtsblock war dieses Mal ungewöhnlich viel Platz, ist er doch sonst bei unseren Besuchen regelmäßig überfüllt. Einige hundert Fans hatten das Reiseziel nicht erreicht. Sie waren in Achim aus dem Regionalexpress gestiegen, um mit einer anderen Bahn des Regelverkehrs die Reise nach Bremen fortzusetzen. Am nächsten Tag war in der Presse von Randale in den Zügen und am Bahnhof Achim zu lesen. Die Fans, die dort ausgestiegen waren, wurden anschließend zurück nach Hannover gefahren. Am Hauptbahnhof wurden von allen die Personalien aufgenommen, sowie Fotos angefertigt. Eine Maßnahme, die sich, laut offiziellem Polizeibericht, bis weit nach Mitternacht erstreckte. In einem Interview mit dem NDR am 02.02.13 lobten Sie, Herr Kind, das konsequente Vorgehen der Polizei und kündigten an zu erwägen, einer bestimmten Fangruppierung in Zukunft keine Karten mehr verkaufen.

Uns liegen diverse Augenzeugenberichte von Betroffenen aus Achim vor, teilweise von Familienvätern mit Dauerkarte auf der Westtribüne – nur damit Sie das einordnen können. Folgendes trug sich demnach zu: Der Regionalexpress Richtung Bremen war, wie zu erwarten, mehr als überfüllt. Das Platzangebot war grenzwertig. Die sanitären Verhältnisse waren schlecht und die Frischluftzufuhr ungenügend. Am Bahnhof Achim stieg eine größere Gruppe aus, um diesen Zuständen und sicherlich auch den wartenden und unserer Meinung nach Viehtransporten gleichenden Shuttle-Bussen am Bremer Hauptbahnhof zu entgehen. Man sollte meinen, dass dies in unserem Land, in dem bekanntlich Reise- und Bewegungsfreiheit herrschen, auch für Fußballfans ohne weiteres möglich sein sollte. Das Gegenteil scheint der Fall. In Windeseile wurden Polizeikräfte zusammengezogen. Es kam zu vereinzelten Rangeleien.

Dabei wurde von der von Ihnen genannten Fangruppierung beschwichtigend auf die Fans auf dem Bahnsteig eingewirkt und durch Megaphon-Durchsagen dazu aufgefordert, Ruhe zu bewahren und das Werfen von Böllern unbedingt zu unterlassen, um in Kürze die Reise fortsetzen zu können. Die Reise ging aber nicht weiter. Stattdessen wurden sämtliche anwesenden Fans von der Polizei eingekesselt und zwei Stunden lang im Regen auf dem Bahnsteig festgehalten. Ohne sanitäre Einrichtungen. Dass einige infolgedessen ihre Notdurft auf dem Bahnsteig verrichten mussten, ja dazu sogar von den eingesetzten Beamten angewiesen wurden, ist zwangsläufig. Dass dies dann als ein Paradebeispiel für die verrohten Sitten unter Fußballfans Einzug in den Polizeibericht hält, ist entlarvend!

Nach zwei Stunden in Regen und Kälte im Polizeikessel fuhr ein Zug ein, der die Fans zurück nach Hannover bringen sollte. Da dies nicht das eigentliche Reiseziel war, ist es verständlich, dass der Zug von einigen nur widerwillig betreten wurde. Die Polizei verstand es aber, nachdrücklich deutlich zu machen, dass eine Fahrt mit diesem Zug alternativlos sei. Zurück in Hannover kam es zu den oben beschriebenen Personalien- und Fotoaufnahmen von allen Insassen des Zuges. Welche Konsequenzen dies für die unterschiedlichen Personen haben kann, dürfte bekannt sein. Willkürliche Einleitung von Strafverfahren, verbunden mit rechtswidrigen Stadionverboten und Einträgen in die rechtlich mehr als fragwürdige Datei “Gewalttäter Sport” drohen. Außerdem droht die Bundespolizei Bremen mit Strafanzeigen “wegen des Verdachtes gemeinschaftlich begangenen Landfriedensbruchs, Missbrauchs von Nothilfemitteln, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Sachbeschädigung”, sowie “zivilrechtlichen Forderungen” aufgrund von Störungen des Bahnverkehrs (Quelle: Pressemitteilung der Bundespolizeiinspektion Bremen, 02.02.13) Und das alles, weil man eine reguläre Umsteigemöglichkeit wählen wollte? Im Endeffekt durften sich die Betroffenen über einen Zeitraum von bis zu acht Stunden weder frei bewegen noch sich verpflegen.

Die Stimmung im Gästeblock in Bremen indes war schlecht. Koordinierte Anfeuerungsrufe gab es nicht. Dafür aber jede Menge stumpfes Gepöbel. Selten hat man so viele rassistische, antisemitische und sexistische Verunglimpfungen in einem Fanblock der Roten hören müssen. Außerdem wurden zwei Böller und ein Bengalo gezündet. Wer war dafür verantwortlich? Die von Ihnen immer wieder gescholtene Personengruppe kann es nicht gewesen sein, denn sie war nach den Vorkommnissen in Achim nicht anwesend.

Die Zukunft:

Es ist mittlerweile so weit gekommen, dass man von zahlreichen Vereinsmitgliedern hört, dass sie erwägen ihre Mitgliedschaft zu kündigen oder dies bereits getan haben. Einige haben dies in Verbindung mit persönlichen Nachrichten an Sie getan. Erkundigen Sie sich dahingehend bei Ihren entsprechenden Angestellten.

Keiner von uns schätzt Ihre Leistungen rund um Hannover 96 gering. In sportlich wie wirtschaftlich schwierigen Zeiten haben Sie sich persönlich um den Verein verdient gemacht und ihn in ein sicheres und zukunftsfähiges Fahrwasser gelenkt. Sie sollten aber nicht vergessen, dass auch wir immer dabei waren. Teilweise schon vor Ihnen. Trotz Abstiegs bis in die Regionalliga waren wir immer an der Seite des Vereins. Nach dem Tod von Robert Enke sind wir in der 96-Familie alle näher zusammengewachsen. In einer großen Kraftanstrengung konnte die Mannschaft auch mit unserer Unterstützung in Bochum am letzten Spieltag den Klassenerhalt sichern und in der Folgesaison sich sensationell erstmalig seit 20 Jahren für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren.

Verschiedenste Ereignisse führten dazu, dass die Harmonie und Einigkeit dieser Zeit im vergangenen Jahr verloren ging. Anfangs war da die Diskussion um die Haarmann-Fahne, die seit Jahren in der Fankurve geschwenkt wurde und nun auf einmal von Ihnen zum Politikum gemacht wurde. Entscheidend waren aber wohl die Ereignisse rund um die Einführung des Konzeptpapiers „Sicheres Stadionerlebnis“. Sowohl die Verbände als auch die überwiegende Zahl der Vereine ließen hier die Meinungen, Befürchtungen und Ängste von uns Fans völlig außer Acht und wollten über unsere Köpfe hinweg über ein völlig realitätsfremdes und grundrechtsverletzendes Papier abstimmen. Zum Glück konnte dies in letzter Minute durch einen bundesweiten Fanprotest verhindert und der Inhalt des Papiers deutlich abgemildert werden. Der Schaden aber, den derartige Missachtung in unserer Fanseele hinterlassen hat, war angerichtet. Ihre jüngsten Maßnahmen wie das Verbot kritischer Spruchbänder oder die genannten Kollektivstrafen für den Supporters-Block, sowie Ihre diversen Äußerungen über Fanangelegenheiten in Interviews in Zeitung, Radio und Fernsehen, haben nicht dazu beigetragen, diese Wunden zu heilen, sondern vergrößern nur unser Unverständnis.

Die von Ihnen avisierte Verdrängung organisierter Fanstrukturen wird nicht zu dem von Ihnen gewünschten Ergebnis führen. Ja, die organisierten und aktiven Fans sind kritisch und kompliziert. Doch ihr Wirken setzt Synergieeffekte frei, deren Ausmaß Ihre marktwirtschaftliche Orientierung nicht erfasst. Werfen Sie einmal einen Blick in den aktuellen Fanartikel-Katalog, der mit den Choreographien der vergangenen Saison wirbt. Kein Sponsor ist in der Lage, derartiges auf die Beine zu stellen. Das ist Kunst! Das ist Fankultur! Das ist Fußball! Aktive Fußballfans sind neben ihrem unermüdlichen Einsatz für den Verein für eine Vielzahl karitativer Aktionen verantwortlich. Beispielhaft seien hier die Spendensammlungen für ein Waisenheim im ukrainischen Poltawa, woran auch Sie sich beteiligten, oder für die Stiftung Kinderherz erwähnt. An Kinder und Jugendliche richten sich ebenfalls viele Angebote, ohne dass diese Arbeit an die große Glocke gehängt und in der Hochglanzwelt der Medien ausgeschlachtet wird. Hinzu kommen Veranstaltungen gegen Rassismus, wie ein antirassistisches Fußballturnier, das jährlich in der Sommerpause stattfindet oder das „Spaß gegen Stumpf-Festival“ zu Saisonbeginn im Bereich der Nordkurve.

Unter der Prämisse offener und ehrlicher Gespräche auf Augenhöhe haben sich die verschiedensten Gruppierungen der Hannoverschen Fanszene stets zum Dialog bereit gezeigt. Durch die Verdrängung der organisierten Fans aus dem Stadion berauben Sie sich selbst der wichtigsten Ansprechpartner. Sie, Herr Kind, reißen Lücken, in die Andere vordringen werden, die nicht gesprächsbereit, nicht organisiert und nicht fassbar sind. Auch Rassismus ist leider nicht völlig aus dem Stadion verdrängt, auch in Hannover nicht. Die Zerstörung organisierter Fankultur öffnet menschenverachtenden Ideologien Tür und Tor. Aktuelle Beispiele aus anderen Stadien belegen dies eindrücklich. Die Lösung der aktuellen Probleme ist es nicht, mehr Repressionen gegen Fans durchzusetzen, sondern der offene und ehrliche Dialog mit verbindlichen Abmachungen und die mutige Gewährung zusätzlicher Freiheiten für die aktive Fanszene über jedes bisher dagewesene Maß hinaus. Die Stärkung der Unabhängigkeit der Fanszene wäre visionär für Hannover 96 und würde den Fans die Möglichkeit geben, das Verantwortungsbewusstsein, das sie für sich in Anspruch nehmen, zu beweisen. Werden Sie sich über den Wert dessen, was Sie meinen bekämpfen zu müssen, bewusst. Nehmen Sie uns Fans und unsere Interessen ernst. Gemeinsam können wir Großes erreichen. Gegeneinander gibt es ausschließlich Verlierer!

Mit schwarz-weiß-grünen Grüßen!

Den Brief unterzeichneten insgesamt über 1880 Unterstützer!

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