Hannoverscher Premiumjournalismus – eine Presseschau

9 Mrz

Der „offene Brief“, mit dem sich die Klubführung von Hannover 96 vergangene Woche an die „Fans und Freunde“ des Vereins wandte, rief ein immenses Echo hervor. Nicht nur die Blogosphäre war voll von Reaktionen, auch über soziale Medien wie Facebook oder Twitter gab es Unmengen von Beiträgen zu dem Thema. Daher beschäftigten sich natürlich auch regionale und überregionale Presseorgane mit den Vorgängen. Und hier wird es interessant, denn die Berichterstattung unterscheidet sich eklatant, wenn man die regionale Presse, die Kommentare der Netzgemeinde und die überregionale Presse vergleicht:

Die regionale Presse

Hannover 96 geht auf Fans zu“, so titelte die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) als DAS Leitmedium der Region am 05.03. Der Autor des Artikels verortet sogar „Selbstkritik“ in dem Statement der Klubführung. Er geht noch weiter und sieht in dem Brief „den ersten Schritt hin zu einer neuen Fankultur“.  Dass er sich selbst widerspricht, indem er feststellt, dass die Reaktionen im Internet „größtenteils negativ“ ausfielen, scheint ihn dabei nicht zu stören.

Noch am gleichen Tag veröffentlicht die HAZ einen Kommentar des selben Autors zum gleichen Thema. Darin nennt er den Brief „ungewöhnlich, mutig, überfällig“. Selbstreferenziell führt er die Mär fort, 96 habe nicht mit Selbstkritik gespart. Außerdem gelingt es ihm in beiden Artikeln, den Konflikt zwischen Hannover 96 und seinen Fans auf einen reinen Konflikt mit der Ultra-Szene zu reduzieren und dadurch zu banalisieren. Dass der Konflikt längst weitere Kreise zieht, wird nicht zuletzt durch einen kürzlich auf unserer Seite veröffentlichten Gastbeitrag und die Reaktion vieler Fanclubs deutlich.

Am 08.03. erschien ein weiterer Artikel auf HAZ.de. Der Autor von „Ein bisschen mehr Leben in der Bude“ stellt fest, dass es „neu“ sei, dass auch aus dem Gästeblock Sprechchöre gegen Martin Kind skandiert und Banner gezeigt wurden. Dies war aber auch in der Vergangenheit schon häufiger der Fall und besonders in dieser Saison keine Seltenheit.

Blogosphäre und soziale Netzwerke

Derartige sogenannte Berichterstattung angesichts der ziemlich eindeutigen Reaktionen der „Fans und Freunde“ überraschte uns. Wir dokumentieren hier Beiträge aus Blogs und sozialen Netzwerken ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

In ihrem Blogeintrag „Auch wir haben verstanden…“ haben „Die Roten Mädels“ verstanden, dass es in dem Offenen Brief „nicht darum geht, Fehler einzusehen und sich dafür zu entschuldigen“ und „dass der Verein seine Anhänger pauschal für ziemlich dämlich hält“.

Der Fanclub „Rote Erleuchtung“ meint in seinem Blogeintrag „Hand drauf!„.

„Jetzt kam Donnerstag noch der Brief dazu, über den die HAZ schrieb, dass 96 auf die Fans zugeht (anfänglich stand da auch noch was von einer Entschuldigung…). Das kann man natürlich gerne so sehen, “liebe” HAZ. Allerdings nur, wenn man dazu schreibt, dass 96 auf die Fans zugeht, um ihnen mal wieder in die Fresse zu hauen. Dieses Mal halt mit Anlauf.“

Die „Fraktion Rote Schweiz“, ein Fanclub eidgenössischer Exil-Hannoveraner, richtet sich mit einem Statement auf den Offenen Brief an den Verein direkt. Dort heißt es:

„Ihr wollt gar nicht verstehen. Es soll nicht mehr um Versäumnisse der Vergangenheit gehen. Oder die Interessen Einzelner. Haarmann, Fanladen, Rote Kurve, Kollektivstrafen, Achim, Zwangsanreise, Befangenheitsanträge, drohende Vereinsübernahme 2018, um nur ein paar Dinge zu nennen – ihr meint, dies sei nur noch Schnee von gestern? Ihr vergrault und zerstört eine laute, bunte und kreative Kurve aus purer Ignoranz und Sturheit. Tief Luft holen und Schwamm drüber?“

und weiter:

„Solang ihr, liebe Klubführung, nicht eure Fehler eingesteht, euch für eure Versäumnisse und euer Fehlverhalten entschuldigt, den aufrichtigen Dialog sucht und einen neuen Weg einschlagt, solang sehen wir uns außer Stande, unser Herzblut für diesen Klub zu geben, ob nun gegen Bayern, Bochum oder Bielefeld. Hand drauf!“

Auch der zum Großteil von Fußball und Fankultur handelnde Blog turus.net nahm sich unter „Grotesker offener Brief von Hannover 96: Neue Gruppen werden sich finden lassen?!“ dem Offenen Brief an:

„Niemals allein. Wir gehen Hand in Hand! Los jetzt – packen wir es alle gemeinsam an!“ heißt es am Ende des Offenen Briefs. Derjenige, der das in der PR-Abteilung verfasst hatte, mag es sogar aus Herzen lieb gemeint haben. Doch die Frage ist, welche Angebote werden denn in diesem Offenen Brief gemacht? Was wurde denn verstanden? Die Belange der Ultras / Fans / Weggegangenen? Oder wurde nur verstanden, dass sich die derzeitige Atmosphäre im weiten Rund verdammt schlecht vermarkten lässt? Was ist schöner, als im nächsten Programmheft die schmucke Choreo vom letzten Heimspiel zu präsentieren.“

und kam zu dem Schluss, dass es schwer werden wird in Hannover…

„Das Kind scheint wahrlich in den Brunnen gefallen zu sein. Und das tut selbst einem völlig Außenstehenden richtig weh!“

Update: Auch der Blog „Reeses Sportkultur“ hat sich dem Thema natürlich angenommen. Diesen Link wollten wir noch nachreichen!

Die Kommentare auf der Hannover 96-Facebookseite unter dem Offenen Brief im Wortlaut reichen von

„Leider erkenne ich nicht, wo ihr irgendwas Verstanden habt? Wie die treue Fanseele sich fühlt? Ganz sicher nicht.. Geht man so mit Menschen um, die vielleicht ihren letzten Cent für diesen Verein ausgeben? […] Bitte überdenkt nochmal diesen Brief und versetzt euch auch nur ein einziges Mal in die Lage eines jahrelangen Supporters/Fan/Kunde/Ultra/Whatever.“

über

„So traurig es für die Mannschaft ist, aber die Verantwortlichen der Profiabteilung haben diese Fans nicht verdient.“

bis hin zu

„Dieser Brief verärgert mich noch mehr als die aktuelle Situation und die Fehler von den Herren Dufner und Korkut. Ich bin seit über 25 Jahren 96 Fan und habe viel erlebt. Aber das hier ist der Hammer und muß selbst die Treuen zweifeln lassen.“

um nur auf drei aus über 1000 Kommentaren einzugehen.

Die überregionale Presse

Der überregionalen Presse gelingt es im Gegensatz zu der Hofberichterstattung in Hannover, tatsächlich kritisch und differenziert zu schreiben:

Unter der Überschrift „Hannover 96 in der Stimmungskrise“ schreibt der Tagesspiegel:

„Wir als Klub hätten uns eher zu Wort melden müssen“, lautet eine von vielen merkwürdigen Passagen, die die Vereinsführung in einem offenen Brief an alle 96-Fans wählt. Das Schriftstück, kurz vor dem Heimspiel gegen die Bayern platziert, gleicht einem indirekten Versuch, sich endgültig von den Ultras zu distanzieren und die normale Kundschaft zu mobilisieren.“

und weiter:

„Präsident Martin Kind hat den Verein innerhalb von 15 Jahren vor der Insolvenz bewahrt, zurück in die Bundesliga gebracht und dort etabliert. Aber der 70-Jährige ist auch ein Sturkopf, der die Geduld verloren hat.“

Der Spiegel schreibt unter dem Titel „Wir haben verstanden – oder auch nicht!“

„Deshalb plant der Verein eine Zukunft ohne den harten Kern der Fans. Kind spricht von einem Konzept, das in Vorbereitung sei und die übrigen Anhänger einbinden soll. Ein Konzept, „das der Mehrheit der Zuschauer signalisiert, wie wichtig sie für Hannover 96 sind“. Konkreter wird Kind nicht.“

Die Frankfurter Allgemeine titelt: „Warum die Stimmung in Hannover so schlecht ist“ Darin heißt es:

„Die Stimmung ist schlecht in Hannover. Und zwar so schlecht wie nirgendwo sonst in der Liga. Am vergangenen Samstag gegen den VfB Stuttgart war die Tristesse wieder zu erleben: ein Fußball-Stadion ohne Leidenschaft. Ohne den Support eines harten Kerns von Fans und ohne diese besondere Dynamik, die Wechselwirkung mit dem Geschehen auf dem Platz, die daraus entstehen kann. Dazu immer wieder wütende Rufe: „Kind muss weg!“ Es ist nicht die große Masse, die das anstimmt. Aber es werden mehr.“

und weiter:

„Die Ultras, die früher für die Stimmung in der Arena sorgten, haben dem Profiteam mittlerweile den Rücken gekehrt, sie verfolgen lieber die Regionalliga-Spiele der U23 im Stadtbezirk Ricklingen. Doch auch für die „Normalos“ stellt sich die Frage nach Abschied und Exil. Insgesamt seien schon jetzt ein paar hundert abgewandert, zur nächsten Saison aber, glaubt Koch [ein 96-Fan im Interview], könnten es schon 2000 oder mehr ein.“

Der Norddeutsche Rundfunk

Am Abend des 08.03. erschien dann ein Artikel auf der Homepage des NDR. „96 kommt aus dem Stimmungstief nicht raus“, wurde dort über den Konflikt zwischen Vereinsführung und Fans berichtet. Auch die tendenziöse Berichterstattung der HAZ wurde thematisiert. So hieß es unter anderem im Bezug auf den Offenen Brief:

„“Inhaltsleer“ ist eine oft gebrauchte Beschreibung für das, was der Verein veröffentlicht hat. Als Schritt in die richtige Richtung wird das Schreiben dagegen in einem Kommentar in der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ (HAZ) gewertet. Das scheint dieser Tage jedoch keine Mehrheitsmeinung zu sein. Die Leserkommentare zu den zu Hannover 96 veröffentlichten Artikeln sprechen eine andere Sprache.“

Und weiter:

„Die gesamte Problematik bei Hannover 96 und den Fans sei auch kein „Ultra-Problem“ – als dieses wurde sie schon häufiger bezeichnet. Es gebe viel mehr Anhänger, die Kind und das Verhalten gegenüber den Fans kritisch sehen, sagt der Rote-Kurve-Sprecher. Die Berichterstattung darüber in der HAZ greife auch deshalb zu kurz. Man könne von Meinungsmache im Sinne des Präsidenten reden. „Wir haben nicht den Eindruck, dass dort objektiv über die Fanszene berichtet wird“, so der Fan-Vertreter. „Wir sind nicht an allem schuld.“ Zudem würden das Engagement und die positive Fan-Arbeit unter den Teppich gekehrt.“

Im Laufe des Vormittags des 09.03. verschwand der Artikel dann ganz plötzlich und kommentarlos von der NDR-Seite, um am Abend überarbeitet wieder aufzutauchen. Allerdings hatte der „überarbeitete“ Artikel nicht mehr viel mit dem Original zu tun. Ganze Absätze waren verschwunden. Darunter zufälligerweise die Abschnitte, die sich am kritischsten mit der Berichterstattung der HAZ beschäftigten und einen Fanvertreter der IG Rote Kurve zu Wort kommen ließen. Als Begründung wurden „handwerkliche Fehler“ angeführt, sodass der „selbstverständliche Grundsatz der Trennung von Bericht und Kommentar nicht beherzigt worden sei. Erneut reagierte die Netzgemeinde schnell. In Fanforen und auf Facebook findet der Originalartikel weiterhin Verbreitung. Die Argumente, den Artikel zu ändern – böse Stimmen würden sagen zu zensieren – können wir nicht nachvollziehen. Vielmehr stellt sich die Frage, von welcher Seite hier interveniert wurde, um kritische Berichterstattung zu verhindern? Entsprechende Fragen beantwortet die Online-Redaktion des NDR sicher gerne.

Advertisements

3 Antworten to “Hannoverscher Premiumjournalismus – eine Presseschau”

  1. Schmiddi März 9, 2015 um 10:01 pm #

    Den hier solltet ihr noch einarbeiten: http://www.reesessportkultur.de/2015/03/05/noch-offener-brief-der-klubfuehrung-von-h96/

    Trifft aus meiner Sicht ins Schwarze.

    • briefankind März 9, 2015 um 10:07 pm #

      Danke für den Hinweis! Haben wir noch aufgenommen!

Trackbacks/Pingbacks

  1. Spielorte der EM 2016 in Frankreich (1): Marseille | unnatuerlichehandbewegung - Juni 27, 2015

    […] aus. Ein Modell im Umgang mit den eigenen Fans, was durchaus Schule machen sollte (nicht wahr, Hannover 96?). Tapie hat seinen Fans damit ein Angebot gemacht, was diese nun wirklich nicht ablehnen […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: