Wider die Doppelmoral

12 Jun

Als 96-Fans waren wir wohl niemals so ratlos wie dieser Tage. Die Ereignisse der letzten Wochen, Monate und Jahre lasten auf unseren Schultern wie zentnerschwere Säcke. Immer wieder rekapituliert man, was man eigentlich nicht begreifen kann, da man es für unmöglich hielt. Viel wurde geschrieben, gesprochen und gestritten. Aber so passend und genau wie „Chris“ im Fan-Forum „Das Fanmagazin“ schaffen es wohl die wenigsten, die Sache auf den Punkt zu bringen. Wir danken Chris und wollen Euch seine Worte nicht vorenthalten.

Auf die Bemerkung, die meisten Stadionbesucher wollten einfach nur Fußball sehen, erwiderte Chris folgendes:

Da magst du sogar recht mit haben. Das ist auch sicherlich legitim und hört sich solange ganz harmlos an, bis man sich mal Gedanken darüber macht, was da alles hinter steckt.

Fußball sehen, unterhalten werden, ein Event geboten bekommen. Ich kann es den Leuten nicht einmal verübeln. Sie geben einen Haufen Geld aus und wollen dafür gefälligst etwas geboten bekommen, quasi eine Dienstleistung in Form eines Sportevents. Da stört es, wenn sich hinter den Toren komische Gestalten in Gruppen zusammen tun, die dieses teuer bezahlte Event stören und auch noch die Frechheit besitzen, auf „ihre“ Probleme aufmerksam zu machen und mittels Bannern und Gesängen unpopuläre Meinungen kund zu tun. Das meine ich in diesem Falle tatsächlich ernst.

Was mich ankotzt ist diese verschissene Doppelmoral, die in diesem Mikrokosmos herrscht. Es wird sich künstlich über beleidigende Gesänge aufgeregt, „der scheiß Schwatte da“ soll aber gefälligst laufen.

„Kind muss weg“ ist ein Schmähgesang, „Ultras raus“ (in der Vergangenheit „Trainer raus“) eine legitime Forderung.

Gewalt ist doof, aber „denen da in der Kurve“ gehört mal gepflegt der Arsch versohlt.

Eine Haarmann-Fahne ist unmoralisch, sich aber vom AWD das Stadion sponsoren zu lassen stellt kein Problem dar. Wie ich mich wohl fühlen würde, wäre mein Ur-Opa von Haarmann zerstückelt worden und nun würde sein Antlitz vor meiner Nase gewedelt werden, wurde ich mal gefragt. Ungefähr so, als wenn mein Vater all sein über 40 Jahre zusammen gearbeitetes Hab und Gut dank zwielichter Berater des AWD verloren hätte und das Stadion meines Vereins nun diesen Namen tragen würde, war meine Antwort.

„Fußball ist nicht alles – Fußball darf nicht alles sein!“ Es ist noch keine fünf Jahre her, als nach diesem Satz ein länger andauernder Applaus durchs Stadion hallte und man das Gefühl und die Hoffnung hatte, der Fußball würde nun ein Stück weit menschlicher werden. Heute habe ich das Gefühl, dass mehr denn je Leistung und Erfolg alles sind was zählt, egal zu welchem Preis, und das ausgerechnet hier in Hannover (hätte nie gedacht, dass ich sowas wie im letzten Halbsatz mal schreibe…).

Kinds „Kampf“ gegen die marodierenden Horden scheint für Außenstehende tatsächlich wie ein Kampf gegen das Böse zu sein, weil niemand sich dafür interessiert, was darüber hinaus alles kaputt gemacht wurde. Die Rote Kurve war ein e.V., Ultras waren dort lediglich Mitglieder, genauso wie jeder andere Rote dort hätte Mitglied werden können. Die Rote Kurve war keine Ultravereinigung, wie es oft in den Medien herüber gebracht wurde. Ich persönlich habe die Rote Kurve immer als eine Art Betriebsrat gesehen, der sich für die Belange aller Fans einsetzt, sei es Ultra oder Osttribünensitzer. Nur hat eben nicht jeder dieses Angebot wahr genommen. Tatsächlich hat die Rote Kurve sich oft für Fans außerhalb der Nordkurve eingesetzt, beispielsweise bei der verbesserungswürdigen Toilettensituation auf der Westtribüne, bei der Einlasssituation u.v.m.

Im Zuge dieses Kampfes hat auch der Fanladen die weiße Fahne geschwenkt, womit einfach mal zwei Menschen ihrer Existenzgrundlage beraubt wurden. Zwei Vorzeigefans, die immer zu ihrem Verein standen und ihm in Sachen Fanarbeit Dienste erwiesen haben, die kein bezahlter Vereinsangestellter jemals leisten könnte, und sei er noch so professionel und gut in seinem Fach. Ihm würde das Herzblut und die Leidenschaft fehlen, die die beiden auszeichneten.

Einem anderen RK-Mitglied wurde angedroht, ihn bei seinem Arbeitgeber anzuschwärzen. Dafür, dass er sich in der Roten Kurve engagiert. Das muss man sich mal auf der Zunge zuergehen lassen: Da will einen jemand bei seinem Brötchengeber anscheißen, weil man sich in seiner Freizeit ehrenamtlich in einem e.V. engagiert.

Ein weiteres Beispiel ist die Trinkbecher-Aktion, deren Aktivisten über viele Jahre hinweg in ehrenamtlicher Arbeit eine für dortige (Afrika) Verhältnisse unglaubliche Menge an Geld gesammelt haben, um dort elementare Dinge wie Trinkwasser und Bildung zu ermöglichen. Ohne sich über die Zukunft eines solchen Projektes einen Kopf zu machen wird das alles für vermeintlich mehr Sicherheit im Stadion über die Klinge springen gelassen und kaum eine Sau im weiten Stadionrund interessiert es. Was kümmert einen auch der durstende Neger, wenn man hierzulande doch einfach nur Fußball sehen will… Kotz!

Diese Menschen, die all das zu verantworten haben, allen voran Martin Kind, wagen es, gegenüber anderen Menschen den moralischen Zeigefinger zu heben. Und das gemeine Volk klatscht Applaus, denn der heilige St. Martin ermöglicht es uns, in unserer schönen Stadt Bundesligafußball bestaunen zu dürfen, während die undankbaren Arschlöcher aus der Kurve die Fußballbühne nur zur Selbstdarstellung missbrauchen.

Ich habe nicht einmal ein Problem damit, wenn es Leute gibt, die einfach nur Fußball sehen wollen. Ich habe ein Problem mit der oben beschriebenen Doppelmoral, ich habe ein Problem mit der Intoleranz, die Leuten gegenüber gebracht wird, für die Erfolg eben nicht alles ist, für die Fußball und der Stadionbesuch mehr ist als nur Bratwurst fressen und Bier saufen, die zwar auch Fußball gucken und ihre Mannschaft siegen sehen wollen, aber darüber hinaus eine Kultur ausleben wollen, auch wenn sie sich nicht jedem erschließt.

Das muss sie aber auch gar nicht, denn man kann diesen Leuten die Auslebung ihrer Vorstellung des Fanseins zugestehen, auch ohne dies nachvollziehen zu können. Man muss nicht alles hinnehmen, weder Gewalt noch Pyrotechnik, man kann das alles kritisieren, gerne auch scharf, man muss dabei aber fair bleiben und darf nicht alles über einen Kamm scheren. Man kann auch einfach mal versuchen über gewissen Dingen zu stehen, auch wenn sie einen vielleicht nerven. Nur weil einem etwas subjektiv auf die Eier geht, ist das kein Indikator dafür, dass etwas schlecht ist und aus meinem Blickfeld zu verschwinden hat. Man kann beleidigende Spruchbänder, Gesänge oder eine Haarmann-Fahne auch einfach mal mit einem Schulterzucken getreu dem Motto „Was interessiert es die Eiche…“ abbügeln und sich dem widmen, wegen dessen man selbst gern ins Stadion geht. Würde diese Art von Toleranz und Nachsichtigkeit von einem Großteil der Stadionbesucher ausgelebt werden, dann könnte der Ultra weiter hüpfen, der Normalo würde weiter bei einem Bier Fußball gucken, der Eventfan würde sich weiter über die Laola freuen und Gewalt und das, was inkorrekter Weise häufig als solche Bezeichnet wird, würde sich automatisch auf ein erträgliches Minimum einpendeln. So, wie es vor nicht einmal zwei Jahren noch der Fall gewesen ist.

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4 Antworten to “Wider die Doppelmoral”

  1. Uwe Westmark Juni 12, 2014 um 9:23 pm #

    Mensch dann macht doch einen Flyer für das afrika Projekt, stellt euch hin und sammelt, wenn das euer Anliegen ist und nehmt das Geld für das gefährliche Pyro und stiftet es in euer Projekt.
    Haltet euch doch einfach an Regeln, die der Gatsgeber aufstellt.
    Wenn ich dich einlade und du weisst, dass bei mir nicht geraucht wird, dann will ich dass du kommst – ohne zu rauchen
    oder wegbleibst.
    Wir die mein Partysponsor nicht gefällt – bleib weg! CU later!

    NUR DER HSV

    • tluebke Juni 13, 2014 um 8:54 am #

      Uwe hat nichts verstanden…

  2. Rosa Schlüpfer Juni 13, 2014 um 10:44 pm #

    Einiges in dem Text regt zum nachdenken an.

    Allerdings finde ich den Vergleich zwischen Haarmann und der awd total schwachsinnig.

    Ich habe laange überlegt und nachgedacht, komischer weise komme ich beim besten willen nicht darauf, warum man denkt das man mit Theater und Randale in dieser Problematik vorwärts kommt. In meinen Augen machen die Ultras (und auch alle anderen die dazu gehören) es sich selber kaputt. Denn Gewalt oder Randale ist keine Lösung.

    Und für mich zählt alles zur randale was nicht erlaubt ist. Bestes Beispiel pyros und Böller womit man sich und andere (siehe wob) in Gefahr bringt!

    • Limmer1896 September 16, 2014 um 2:42 pm #

      …und wie wir alle wissen kam dieser gefährliche Böller in WOB nicht aus der aktiven Fanszene oder gar von den ach so bösen Ultras. Und wo ein Bengalo mit Randale und Gewalt gleichzusetzen ist muss mir auch noch jmd. genauer erklären…

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