Offener Brief zum Thema „viagogo“

20 Aug

Sehr geehrter Herr Kind,

Ob viagogo der richtige Partner ist, kann man diskutieren“ waren Ihre Worte im Juli diesen Jahres (Quelle: http://www.welt.de/wall-street-journal/article118120701/Bundesliga-Klubs-kuendigen-Viagogo-die-Treue.html ). Auch wir haben uns Gedanken zu diesem Thema, welches mittlerweile viele Fans in ganz Deutschland betrifft, gemacht und schreiben Ihnen diesen öffentlichen Brief, um Ihnen unsere Meinung über die sogenannte Wiederverkaufsplattform viagogo mitzuteilen.

Wir stimmen der Meinung von Herrn Meier (Leiter Ticketing) zu, dass wir einen „sicheren und seriösen Ticket-Zweitmarkt(…)“ (Quelle: http://www.hannover96.de/CDA/tickets/viagogo-ticketboerse.html) für die Fans von Hannover 96 benötigen. Gerade die Möglichkeit, seine Dauerkarte weiterzugeben, wenn man unseren Verein mal nicht unterstützen kann, ist sehr fanfreundlich. Jedoch sehen wir in dem Partner viagogo den falschen Dienstleister für diesen Ticket-Zweitmarkt!

Um allen einen Einblick in die Kooperationsvereinbarungen von viagogo zu geben, nennen wir zunächst einmal die Fakten, die wir den Medien entnehmen konnten und die unsere Recherchen ergaben. Unabhängig von der Anzahl der verkauften Eintrittskarten erhält der Verein Hannover 96 pro Saison, in der eine Zusammenarbeit mit viagogo stattfindet, eine bisher nicht veröffentlichte Einmalzahlung. Nennenswerte Beispiele sind dazu vom Hamburger SV (800.000 €) und vom FC Schalke 04 (1.200.000 €) bekannt (Quellen: http://www.abendblatt.de/sport/fussball/hsv/article113314269/Ticket-Boerse-Viagogo-will-den-HSV-verklagen.html / http://www.11freunde.de/interview/schalke-fans-gegen-viagogo). Dieses Modell mag für Außenstehende erst mal sehr verlockend klingen – jedoch wird dieser finanzielle Vorteil auf Kosten der treuen Fans und Mitglieder erzielt! Die Ticketbörse viagogo erhält für jedes Bundesliga-Heimspiel direkt von Hannover 96 Eintrittskarten, die mit einem Aufschlag von bis zu 100 % (zzgl. Gebühren) verkauft werden dürfen. An den dadurch entstehenden höheren Erlösen wird der Verein wiederum prozentual beteiligt. Unsere Recherchen auf www.viagogo.de ergaben, dass pro Spiel an die 500 Karten von Hannover 96 in verschiedenen Stadionbereichen für den Verkauf bei viagogo bestimmt sein müssten (eine genaue, offizielle Anzahl ist Seitens Hannover 96 noch nicht veröffentlicht worden).

500 Karten pro Spiel in einem 49.000 Zuschauer fassenden Stadion klingt zunächst nach einem äußerst geringen Anteil. Wenn man aber von 49.000 Plätzen die bislang ca. 24.700 verkauften Dauerkarten (zzgl. die gegen Ende des Jahres in den Verkauf gehenden Rückrundendauerkarten), mindestens 4.900 Karten für Gästefans und etliche Sponsorenkarten abzieht, bleibt nur noch eine deutlich kleinere Anzahl an Karten für den freien Verkauf – da fallen die ca. 500 viagogo-Karten doch stark ins Gewicht. Dadurch wird den Mitgliedern des Vereins, die alle ein Vorkaufsrecht besitzen, und weiteren Fans die Möglichkeit genommen, Tageskarten zum regulären Preis erwerben zu können.

Laut dem Anfangs genannten Artikel auf der Homepage von Hannover 96 möchte man Fans durch viagogo die Möglichkeit geben, auch noch Eintrittskarten für bereits „ausverkaufte“ Spiele erwerben zu können. Warum werden diese Karten nicht im normalen (Vor)Verkauf direkt von der Ticketabteilung abgesetzt? Hier kommt der Verdacht auf, dass dadurch gezielt eine heimliche Preiserhöhung und damit ein höherer Umsatz erzielt werden soll.

Sie sagten im Gespräch mit Journalisten der HAZ, dass viagogo nur Eintrittskarten verkauft, die es auch tatsächlich gibt (Quelle: http://www.haz.de/Nachrichten/Sport/Fussball/Hannover-96/Kartenboerse-viagogo-Hannover-96-haelt-sich-bedeckt-beim-Kartentausch). Leider gibt es genügend Beispiele, bei denen dies nicht der Fall ist, da viagogo keine Kenntnis darüber hat, ob der Verkäufer tatsächlich gültige Eintrittskarten (mit Ausnahme von Dauerkarten und dem Kontingent vom Verein) vorliegen hat. In diesen Fällen verspricht viagogo zwar, den Käufern den ausgegeben Betrag zu erstatten, das Fußballspiel aber (um das es dem Käufer ging) kann dieser nicht sehen. Auch kommt es vor, dass der Käufer einen vorher nicht vereinbarten Drittort für die Übergabe von „Ersatztickets“ aufsuchen muss. Zudem ist der Kundenservice für einen seriösen Partner sehr dubios, wie man z.B. an der Übergabe der Karten bei anderen Veranstaltungen sieht. Hier haben wir Ihnen nur zwei Beispiele rausgesucht, an denen Sie diese Punkte bestätigt sehen:

Nicht nur die Sicherheit des Kartenerwerbs sondern auch die Sicherheit im Stadion wird durch viagogo eingeschränkt. So ist es möglich, als Gästefan Eintrittskarten im gesamten Stadion, auf allen Tribünenteilen, zu erwerben. Die Fantrennung, gerade in dieser Derbysaison, wird dadurch nur erschwert.

Außerdem fragen wir uns, wie es möglich sein kann, dass eine seriöse und legale Ticketbörse schon Karten verkaufen kann, die es noch gar nicht im Verkauf gibt, bzw. für die es noch gar keine feststehenden Preise gibt? Dies ist erst kürzlich beim DFB geschehen. Der DFB-Präsident Wolfgang Niersbach findet diese „Vorgehensweise (…) unseriös“ (Quelle: http://www.spiegel.de/sport/fussball/dfb-erwaegt-rechtliche-schritte-gegen-viagogo-a-914705.html). Der Bundesligist Bayer Leverkusen hat bereits juristische Wege gegen viagogo eingeleitet, Eintrittskarten des Vereins dürfen nun nicht mehr vor dem offiziellen Verkauf angeboten werden. Dass dennoch Eintrittskarten bei viagogo verkauft werden „dürfen“, liegt an einer juristischen Grauzone (Quelle: http://www.ksta.de/fussball/ticketboerse-viagogo-der-moderne-schwarzmarkt,15189340,22690896.html). Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser spricht sogar offen von einem „blühenden Schwarzmarkt für Fußballtickets auf viagogo“ (Quelle: http://www.spiegel.de/sport/fussball/bayer-leverkusen-erwirkt-einstweilige-verfuegung-gegen-viagogo-a-915138.html).

Der Fußballverein Schalke 04 hat nach nur neun Tagen Laufzeit den Vertrag mit viagogo fristlos gekündigt, da sich diese auch nach mehrfacher Aufforderung nicht an Abmachungen, die Schalke 04 an diese gestellt hat, hielt (Quelle: http://www.spiegel.de/sport/fussball/schalke-kuendigt-vertrag-mit-tickethaendler-viagogo-a-910209.html): Ein finanziell angeschlagener Verein wie Schalke 04 muss schon sehr gute Gründe haben, einen solchen Vertrag, der (auf kurze Sicht) finanziell betrachtet zu Gunsten des Vereins ist, zu kündigen. Mittlerweile kündigte Schalke 04 sogar an, in den nächsten Tagen eine Schadensersatzklage gegen Viagogo einzureichen (Quelle: http://www.spiegel.de/sport/fussball/bundesliga-schalke-will-viagogo-verklagen-a-917407.html).

Bei Hannover 96 ist das anders. Im Gespräch mit dem Wall Street Journal sagten Sie: „Bei uns war es keine wirtschaftliche Frage, die Partnerschaft einzugehen. Es ging und es geht um die Bekämpfung des Schwarzmarktes“ (Quelle: http://www.welt.de/wall-street-journal/article118120701/Bundesliga-Klubs-kuendigen-Viagogo-die-Treue.html ).

Nach unserer Recherche am 18.08.2013 hält viagogo die vereinbarte Preissteigerung von maximal 100% pro Karte bei Heimspielen sehr penibel ein – wenn man mal von den horrenden Gebühren absieht. Sollten wir dort in Zukunft Ungereimtheiten feststellen, so werden wir diesbezüglich direkt mit Herrn Meier Kontakt aufnehmen. Warum aber erlauben Sie diese 100% Preissteigerung? Warum sehen Sie nicht einen Ticket-Weiterverkauf zum ursprünglichen Preis vor, ohne Preissteigerung, wie es z.B. der VfB Stuttgart mit viagogo handhabt (Quelle: ebd.)? So widersprechen sich Ihre mit viagogo vertraglich vereinbarten Konditionen unserer Meinung nach doch sehr mit Ihrem Zitat „keine wirtschaftliche Frage“ und „Bekämpfung des Schwarzmarktes“. Auch widersprechen sich diese mit Ihren Allgemeinen Ticket-Geschäftsbedingungen. In diesen heißt es in Punkt 10, Absatz 2b, es sei untersagt, „Tickets zu einem höheren als dem bezahlten Preis weiterzugeben; ein Preisaufschlag von bis zu 10% zum Ausgleich entstandener Transaktionskosten ist zulässig“ (Quelle: http://www.hannover96.de/CDA/fileadmin/php/download.php?file=fileadmin/user_upload/Faninfos/AGB_Tageskarten_13-14.pdf ).

Lassen Sie uns noch näher auf die Ticketpreise eingehen, die man, auch als Fan von Hannover 96, bei viagogo bezahlen muss – auch wenn Sie eigentlich schon jetzt bemerkt haben müssten, dass diese Ticketbörse nicht der richtige Partner für einen Bundesligisten, geschweige denn für unseren Verein ist!

Von den maximal 100% Preiserhöhung auf Karten für Heimspiele unserer Roten mal abgesehen, lenken wir unseren Blick auf die Auswärtsspiele unserer Mannschaft. Hannover 96 bekommt für seine Fans vom ausrichtenden Verein im offiziellen Auswärtsbereich des jeweiligen Stadions Karten zum Verkauf überlassen. Für uns Fans ist es absolut unverständlich, wie sich die Preise für einige dieser Auswärtsspiele bei viagogo gestalten. Als Beispiel haben wir drei Spiele ausgewählt, die Sie im Anhang dieser E-Mail durch Screenshots von http://www.viagogo.de belegt finden.

Als erstes das Pokalspiel bei Victoria Hamburg: Die Stehplatzkarten wurden inklusive Vorverkaufsgebühr für 16,50 € über Hannover 96 verkauft. Bei viagogo wurden die Stehplatzkarten für 49,94 € (Vollzahlerkarte, zzgl. Gebühren) zum Verkauf angeboten. Also für mehr als das Dreifache!

Nicht nur die Länderspiele des DFB sondern auch unsere Auswärtsspiele sind von dem Ticketverkauf über viagogo vor dem eigentlichen Vorverkauf seitens des Vereins betroffen. Unsere Gastspiele in Wolfsburg und in Braunschweig sind noch nicht einmal fest terminiert, da sie erst in der Rückrunde stattfinden. Wenn man aber bei viagogo nach den Spielen sucht, wird man jetzt schon fündig. Für ein Stehplatzticket im Gästeblock des VfL Wolfsburg soll man dort 99,00 € (Vollzahlerkarte, zzgl. Gebühren in Höhe von 27,80 € netto) aufbringen. Die selbe Ticketkategorie wird im offiziellen Verkauf lediglich 15,00 € (zzgl. VVK Gebühren) kosten!

Doch der absolute Höhepunkt ist unser Gastspiel Braunschweig. Wie lange mussten wir auf dieses Derby warten! Absolut verständlich, dass ein großes Interesse an Gästekarten für dieses Spiel besteht. Überhaupt nicht verständlich ist der Preis, den viagogo für diese Karten verlangt: 195,00 € (zzgl. Gebühren in Höhe von 42,20 € netto) für ein Vollzahler-Stehplatzticket im Gästeblock. Der reguläre Preis beträgt dort 23,00 € (zzgl. VVK-Gebühren). Also verlangt viagogo in diesem Fall mehr als das Achtfache (ohne Gebühren)!

Kann man bei diesen Preisen noch immer von Fanfreundlichkeit sprechen, Herr Kind?

Da es in Ihrem und in unserem Interesse ist, einen „sicheren und seriösen“ Ticketweiterverkauf zu gewährleisten und somit den Schwarzmarkt (sei es vor dem Stadion oder auf diversen Internetplattformen) zu bekämpfen, sollte unserer Meinung nach die Errichtung einer fairen, serviceorientierten Ticketbörse der beste Weg und zugleich eines der Ziele dieser offenen E-Mail sein. Wir haben zum Beispiel noch das Angebot der Roten Kurve im Kopf, die es ihren Dauerkarteninhabern ermöglicht hat, für bis zu fünf Spiele pro Saison den eigenen Dauerkartenplatz zurück in den freien Verkauf im Fanladen zu geben und so – wenn sich ein Käufer für diesen Platz finden ließ – ein siebzehntel des Dauerkartenpreises erstattet zu bekommen. Dass die Umsetzung dieses Angebotes auch durch einen Verein mit Dauerkarteninhabern im fünfstelligen Bereich möglich sein kann, zeigt sich am Beispiel des Hamburger SV (Quelle: http://www.hsv.de/ticket/ticketboerse/). Dies wäre auch ohne großen Aufwand auf die Tageskarten erweiterbar.

Gerne zitieren wir nun Ihre Worte: „Ob Viagogo der richtige Partner ist, kann man diskutieren“ und „Wir werden das Ganze analysieren und prüfen“ (Quelle: http://www.haz.de/Nachrichten/Sport/Fussball/Hannover-96/Kartenboerse-viagogo-Hannover-96-haelt-sich-bedeckt-beim-Kartentausch). Ja, dies ist unsere Bitte an alle Beteiligten im Verein! Am besten nicht hinter verschlossenen Türen, sondern in Zusammenarbeit mit uns, den Fans von Hannover 96!

Eine sofortige Kündigung des Vertrags mit viagogo wäre wünschenswert. Auf jeden Fall appellieren wir an Sie, den zum Saisonende auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern!

Denn dies ist im Sinne unserer Stadt, unseres Vereins und unserer Leidenschaft!

Mit schwarz-weiß-grünen Grüßen

Ihr Team von „Brief an Kind“

Diesen Brief haben wir auch an Herrn Meier sowie diverse Pressevertreter geschickt. Eine Veröffentlichung erfolgt auf unserem Blog www.brief-an-kind.de.

Anhang:

Beispiel Braunschweig

Beispiel Braunschweig

Beispiel Victoria Hamburg

Beispiel Victoria Hamburg

Beispiel Wolfsburg

Beispiel Wolfsburg

5 Antworten to “Offener Brief zum Thema „viagogo“”

  1. produnis August 20, 2013 um 11:07 am #

    Sehr gut, 96er! ViaNOgo

  2. 1900 August 20, 2013 um 11:30 am #

    viaNOgo !!! viel Erfolg liebe Hannoveraner mit diesem Brief

  3. Schalke 04 August 20, 2013 um 1:39 pm #

    Viel Erfolg bei der ViaNOgo Aktion wünscht euch ein Schalker.

  4. Onkel Dieter August 24, 2013 um 4:54 am #

    ich bin ab und zu bei meinen Schwiegereltern und besuche Eure Spiele, gegen den BVB hab ich anstatt 60€ ca 30 für das Ticket bezahlt. Also es geht auch so. Tickets unterm Preis.

    • briefankind August 24, 2013 um 9:20 pm #

      Das ist interessant. Die teuersten regulär erwerbbaren Tickets kosten bei einem Spiel mit Topspielzuschlag 52 Euro. Das sind zwei kleine Blöcke auf der Osttribüne. Der Großteil der Tickets im Niedersachsenstadion kostet unter 40 Euro…

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