Die Alternative Amateurfußball

2 Aug

An diesem Wochenende beginnt die neue Spielzeit in der Regionalliga-Nord, in der sich auch die Amateure von Hannover 96 zu beweisen haben. Unser Team hat sein erstes Spiel zwar erst nächstes Wochenende, aber wir wollen euch schon heute auf das etwas andere Fußballerlebnis Amateurfußball aufmerksam machen.

Der Autor dieses Gastbeitrags, Niki, hat in der vergangenen Saison neben allen Spielen der Profimannschaft auch noch einen Großteil (der nach Ansetzung möglichen) Partien der Amateure besucht. Über seine Eindrücke berichtet er hier.

2013-04-19-0152Sandstrand in Wilhelmshaven

Gegen den modernen Fußball!“, eine Äußerung, die einem in der letzten Zeit immer häufiger zu Ohren kommt. Doch was ist der moderne Fußball, warum hegt man Antipathien gegen ihn und was für Alternativen gibt es?

In sportlicher Hinsicht zählt der moderne Fußball, den man besonders in Europa momentan zu sehen bekommt, sicherlich zu den attraktivsten Sportarten dieser Welt. Schnell, dynamisch und auf besonders hohem Niveau. Doch warum findet sich bei einer wachsenden Zahl von Anhängern dann eine solche Abneigungen gegen diesen Sport? Oder ist diese eher gegen andere Facetten des Profifußballs gerichtet?

Gerade in der aktuellen Zeit beweist der Fußball in den oberen deutschen und europäischen Ligen, dass dieser immer mehr ein Unterhaltungsevent einer Premium-Marke ist und nicht mehr der Volkssport, den er früher einmal dargestellt hat. Daraus stellt sich die Frage, an welchem Punkt der erste Schritt auf dem Weg vom Traditionsverein zur Premium-Marke ist? – Bei der Umwandlung einer Fußballmannschaft in ein Wirtschaftsunternehmen! Hier werden dann Punkte wie Marketing und Merchandising wichtiger als die Bewahrung von Traditionen, die den Verein überhaupt erst dahin gebracht haben, wo er heute steht. An erster Stelle steht nun das Geld. Wenn der Betrag hoch genug ist, wird der Stadionname, die Trikotfarbe und in besonders schlimmen Fällen auch der Name, das Wappen oder die Farben des Vereins geändert.

Aus einem normalen Fußballstadion mit günstigen Stehplatzrängen, die den Fans gewisse Freiheiten bieten, werden moderne Hochsicherheitsarenen, in denen am besten jeder seinen festen personalisierten Sitzplatz einnimmt und dabei jede Sekunde von einer Kamera überwacht wird. Da es auch im Stadion in erster Linie um die Vermehrung des Kapitals geht, wird jede freie Fläche an irgendein privates Unternehmen verkauft, welches dann für sein Getränk, seine Versicherung oder sein zweifelhaftes Geflügelfleisch werben kann.

Selbst bei den menschlichen Grundbedürfnissen ist die Profitgier ausgereift. In diversen Stadien der oberen europäischen Ligen ist es den Zuschauern untersagt, Speisen und Getränke mit in das weite Rund der Arena zu nehmen. Stattdessen wird ihnen an den vielen Verkaufspunkten der halbe Liter Bier für vier bis fünf Euro und die Stadionwurst für weitere drei Euro angeboten. Hinzu kommen natürlich noch die Eintrittspreise, bei denen eine vierköpfige Familie für durchschnittliche Sitzplätze einen dreistelligen Betrag löhnen muss. Dabei ist auch noch die Leibesvisitation am Stadioneingang inklusive, die es einer ganz normalen Person von nebenan, durch Ordnerweste gekennzeichnet, erlaubt, andere Personen am ganzen Körper zu berühren und den privaten Inhalt ihrer Taschen zu durchsuchen. In Hannover hat man, sofern man seine Karte für bestimmte Blöcke des Stadions hat, mittlerweile auch noch das Glück, diese Prozedur gleich zwei Mal über sich ergehen zu lassen. Bei der zweiten Durchsuchung darf natürlich ein Metalldetektor auch nicht fehlen. Zuvor durfte man sich noch in eine überfüllte Straßenbahn quetschen oder einen überteuerten Parkplatz in Stadionnähe nutzen, wobei man ständig unter den strengen Augen diverser vollgepanzerter Hundertschaften steht, die den Eindruck verschaffen, man stünde kurz vor einem Bürgerkrieg. In verschiedenen Situationen machen die Polizisten auch noch von ihrem fadenscheinigen Recht Gebrauch, ganzen Personengruppen von über 100 Leuten ein Platzverbot auszusprechen, beziehungsweise ihnen zu verbieten, einen bestimmten Ort zu verlassen. Man denke hierbei vor allem an das Heimspiel gegen Brügge.

Wer von diesen ganzen Umständen noch nicht abgeschreckt genug ist, macht sich zusätzlich noch auf den Weg, seine Mannschaft bei Auswärtsspielen zu begleiten. So etwas wie Gastfreundschaft scheint es aber bei diesen „Events“ nicht zu geben. Es gibt vorgeschriebene Anreisewege in überfüllten Zügen und Bussen, oft keine Möglichkeiten, sich während der Fahrt mit Nahrung und Getränken auszustatten und ausreichende Sanitäranlagen sind hierbei im Normalfall auch nicht vorhanden. Wenn man dann die Arena erreicht hat, sieht man sich den üblichen Kontrollen gegenüber gestellt. Durch diese soll unter anderem verhindert werden, verbotene Pyrotechnik oder Fahnen mit ins Stadion zu nehmen. Da das Thema rund um Feuerwerkskörper im Stadion schon genug thematisiert wurde, will ich es hier mal außen vor lassen. Die Thematik rund um die Fahnen jedoch nicht. Jeder Verein nutzt eine Fankurve, die voll mit Fahnen ist, für eigene Werbe- und Marketingzwecke, lobt das schöne Bild und die sensationelle Stimmung und sorgt dafür, dass die Fernsehkameras das auch alles mitschneiden. Auf der anderen Seite ist es Auswärtsfans in den meisten Fällen vorgeschrieben, wie viele Fahnen welcher Größe sie mitnehmen dürfen, worin sich ein klarer Widerspruch zu den Ambitionen der Vereine finden lässt. Ganz abgesehen davon, dass es zu nahezu kompletten Materialverboten (ausgenommen Trikots und Schals) nach vermeintlichem Fehlverhalten der Fans kommen kann. Dass diese Verbote eigentlich sinnlos sind, zeigt sich jedes Wochenende wieder, wenn ein Block mit vermeintlichem Materialverbot den ganzen Zaun vollhängt oder sogar Blockfahnen hochzieht.

Bei dieser Thematik darf aber auch das Problem der Kollektivstrafen nicht vergessen werden. Bestraft werden meist ganze Blöcke, beziehungsweise ganze Anhängerschaften eines Vereins, da es der Strafverfolgung nicht möglich ist, die „schuldigen“ Personen zu identifizieren. Dies wäre genau so, als würde man einer kompletten Belegschaft eines Betriebes den Lohn streichen, weil eine oder zwei Personen während ihrer Schicht geraucht haben. Wie groß der mediale Aufschrei in so einer Situation wäre, kann sich jeder vorstellen, aber so lange es nur bei Fußballfans passiert, trifft es doch bestimmt die Richtigen…

Will man nach dem Spiel die entspannte Rückreise antreten, ist man beim Profifußball leider auch fehl am Platz. So besteht, wie auf der Hinfahrt, meist eine Einschränkung in der Wahl des Reisemittels, der -route und des -zeitpunktes. Desweiteren hat es sich wohl gerade in Hannover etabliert, dass die hannoverschen Fußballfans von einer Armada von Polizeikräften am heimischen Hauptbahnhof erwartet werden, sodass teilweise der komplette Ernst-August-Platz von vermeintlichen Ordnungshütern besiedelt wird.

Doch warum tun sich so viele Personen diese Schikanen Woche um Woche wieder an? Zum einen ist dies damit zu begründen, dass diese Jungs und Mädels sich nicht einfach unterdrücken lassen und einen Gegenpol zur aktuellen Entwicklung stellen wollen. Zum anderen macht jede Reise trotz allem noch Spaß, solange man mit den richtigen Leuten unterwegs ist.

FCO (3)Zu Gast beim FC Oberneuland

Doch wo kann man diesen Volkssport noch sehen, von dem ich eingangs sprach? Wohin kann man gehen, wenn man eine tiefe Verbundenheit zu einem bestimmten Verein verspürt, aber sich lösen will von albernen Halbzeitspielchen, dauerhaften akustischen und visuellen Werbebotschaften und eskalierenden Stadionsprechern? Wer diesen ganzen negativen Begleiterscheinungen des „modernen Fußballs“ – vielleicht auch nur zeitweise – entfliehen möchte, dem sei der Amateurfußball ans Herz gelegt. In unserem Fall kann man dort in der vierten Liga, also der Regionalliga Nord, unsere Amateure Woche für Woche im „heimischen“ Stadion in Ricklingen (wobei hier klargestellt werden sollte, dass die Nachwuchskicker in das Eilenriedestadion gehören) oder in kleineren Sportstätten in Norddeutschland antreten sehen. Bei Heimspielen beträgt der günstigste ermäßigte Eintrittspreis faire 2,50€. Obwohl man sich hier leider auch einem immer größer werdenden Sicherheitswahn gegenübersieht (Fahnen- und Personenkontrollen am Eingang, Sperrung der Sitzplätze direkt hinter der Trainerbank der Gastmannschaft und strikte Fantrennung), ist die Atmosphäre doch eine ganz andere, einem Spiel mit 500 Leuten beizuwohnen, von denen man mindestens die Hälfte wenigstens vom Sehen her kennt. Durch die Nähe zum Spielfeld hören die Spieler es auch, wenn man ihnen Lob oder Kritik zuruft, was für zusätzlichen Ansporn sorgen kann.

Noch attraktiver als ein Heimspiel der Amateure ist es, die Mannschaft bei ihren Auswärtsspielen zu begleiten – wenn es die Terminierung zulässt und sich keiner beim NFV (Norddeutscher Fußball-Verband) oder der Polizei für die kurzfristige Verlegung von Spielen einsetzt. Hierbei finden sich meistens die gleichen bekannten Gesichter zusammen, die in einer Gruppe von zehn bis sechzig Leuten, je nach Attraktivität der Reise, des Gegners und des Stadions, zu den Spielen fahren. Bereits im Zug merkt man dann schon die riesigen Unterschiede zu den Auswärtsspielen der ersten Bundesliga. Wenn man nicht gerade in den Berufsverkehr gerät, gibt es kein Gedränge, kein Geschubse und für jeden einen Sitzplatz. Desweiteren steht man oftmals nicht unter den strengen Augen der Staatsmacht, die zusätzlich für noch weniger Platz in vollen Zügen sorgt. Die Reiseroute ist frei wählbar und wenn man keine Lust auf Shuttlebusse hat, läuft man eben zu Fuß, wie es in einem Land mit Meinungs- und Bewegungsfreiheit eigentlich sein sollte. Wenn man an einem Bahnhof noch einkaufen möchte, kann man das, solange die Zeit es zulässt, unbeirrt tun, genauso wie das Aufsuchen sanitärer Anlagen. Am Stadion angekommen kann man sich ohne Probleme mit Eintrittskarten (zumeist zu humanen Preisen) eindecken und nach eher kurzen Personendurchsuchungen dieses auch betreten. Der Mitnahme von Speisen und Getränken (in weniger gefährlichen Behältnissen) steht hier im Normalfall auch nichts im Wege. Sonst gibt es im Stadion im Regelfall auch die Möglichkeit, sich für 2€ ein Bier oder für 1,50€ eine Bratwurst zu kaufen, was in etwa der Hälfte des Preises in einer Profiarena entspricht. In der Sportstätte finden sich insgesamt meist eine drei- bis vierstellige Zahl Zuschauer ein. Sensationsgeiles, konsumorientiertes Eventpublikum wird man hier nur in besonderen Ausnahmen antreffen. Fahnen können ohne Probleme am Zaun aufgehängt werden und oft kann sich relativ frei im Stadion bewegt werden, wie zum Beispiel vor ein paar Monaten in dem eigentlich schon relativ modernen, dennoch sehr schönen Jadestadion in Wilhelmshaven. Aber auch Stadien wie das Emslandstadion in Meppen oder das Hoheluft Stadion in Hamburg, das ja auch bald mit den Profis besucht werden darf, sind hierbei als schönere Stadien zu erwähnen.

2013-04-24-0194Stadion Hoheluft Hamburg

Nach dem Spiel ist es für die Mannschaft selbstverständlich, bis an den Block zu kommen, um sich persönlich bei den Mitfahrern zu bedanken, dass sie die teilweise „weite“ Anreise nach Wilhelmshaven oder Kiel auf sich genommen haben, nur um sie spielen zu sehen und zu unterstützen. Hier entwickelt man auch schnell einige Kontakte zwischen Fans und Spielern. So ist es auch nicht unwahrscheinlich, dass die Spieler fragen wann man mal wieder mit auswärts fahren kann oder man sich über Sachen unterhält, die gerade nicht so gut laufen. So letzte Saison beim Spiel in Hamburg gegen die zweite Delegation von St. Pauli geschehen, als es am Zaun zu einem klärenden Gespräch mit Lars Fuchs kam. Dass so ein Verhalten im Profifußball bei einer Zuschauerzahl von 50000 und mehr nicht möglich ist, dürfte klar sein. Dennoch sollte man von den überbezahlten Profifußballern erwarten können, dass sie zum Beispiel bei Spielen in Moskau die Reisestrapazen der Anhänger wenigstens etwas würdigen und Dankbarkeit für die Unterstützung zeigen. Auch könnte man von Spielern in den oberen Ligen erwarten, dass sie sich bei Meinungsverschiedenheiten in einen konstruktiven Dialog mit ihren Anhängern begeben.

Während das Geschäft „Profifußball“ boomt, sieht sich der Amateurfußball im allgemeinen mit immer weniger Zuschauern konfrontiert, da sich das eventorientierte Publikum lieber die internationalen Spiele der europäischen Ligen auf irgendeinem Bezahlsender anstatt echten Fußball auf dem Sportplatz um die Ecke anschaut. Mit der Motivation das zu ändern, haben sich in Göttingen einige Fans zusammengeschlossen, um die Leute wieder für den Amateurfußball zu begeistern. Die Initiative „Glotze aus, Stadion an!“ (http://gasa.blogsport.de/) steckt momentan noch in den Kinderschuhen, aber ist vom Gedanken her auf jeden Fall ein guter Ansatz, die Attraktivität des deutschen Amateurfußballs zu unterstreichen.

Abschließend gesehen bieten natürlich die Spiele in der ersten Bundesliga und gerade auch in Europa weiterhin einen besonderen Reiz, wenn man sieht, wie viele Menschen sich für die Spiele eines Vereins begeistern können, obwohl dieses Erlebnis zusehends durch negative Begleiterscheinungen geschmälert wird. Wem also die Werte des Sports, das Erlebnis Fußball und die Verbundenheit mit dem eigenen Verein mehr bedeuten als große Namen und Showeinlagen, dem bieten die Spiele der Amateure hier Woche um Woche eine echte Alternative, bei der man im freundschaftlichen Kreis zu günstigeren Preisen Fußballspiele des eigenen Vereins sehen und dabei auch Wertschätzung seitens der Spieler erwarten kann.

2013-04-19-0163Jadestadion Wilhelmshaven

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