„Fußball ist etwas anderes als Opernfestival“ – BaK-Interview mit Wilhelm Nöthel

3 Jul

Als wir unsere Brief-an-Kind-Aktion starteten, kam eine der ersten Unterstützermails von Wilhelm Nöthel. Herr Nöthel ist 85 Jahre alt, 96-Fan seit 1934 und hat zusammen mit Tochter und Enkelin eine Dauerkarte im Zentrum der Nordkurve. Sein großer Traum ist es, eines Tages mit vier Generationen im Stadion zu sitzen. Es machte uns unglaublich stolz, dass jemand mit einer derartigen Historie unser Anliegen unterstützt und so beschlossen wir, Herrn Nöthel nach seiner persönlichen Geschichte zu fragen. Im Interview sprach er über seine ersten Jahre mit Hannover 96, historische Spiele, die Entwicklung von Stimmung und Fankultur im Fußball und die aktuellen Ereignisse rund um unseren Verein.

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Das Interview führten Bentscho und Besco nach dem Spiel gegen den VfB Stuttgart in der Rückrunde der Saison 12/13.

 Die Mutter hat das Radio in der Küche auf „Vollgas“ gestellt und wir Kinder haben auf dem Hinterhof am Fenster das Spiel verfolgt.

Herr Nöthel, berichten Sie uns doch bitte von Ihren ersten Erfahrungen mit Hannover 96!

Ich bin damals durch meinen Vater zu 96 gekommen. Er hat mich 1934 im Alter von sechs Jahren das erste Mal zu 96 mitgenommen, vorher war er auch lange nicht beim Fußball. Hannover 96 spielte in der Gauliga, wir befanden uns ja gerade im Nationalsozialismus. Zusammen sind wir mit dem Fahrrad, dem sog. „Ewigtreter“ aus Ahlem zum Hindenburgstadion gefahren. Das war das erste Erlebnis bei einem Fußballspiel, an das ich mich erinnern kann. Es mag sein, dass der Gegner Eintracht Braunschweig hieß, schon damals war es interessant, gegen die zu spielen. Wie ich später erfuhr, waren diese Begegnungen auch zum damaligen Zeitpunkt brisant. Gut möglich, dass mein Vater gesagt hat: „Das Spiel gucken wir uns an, dann siehst du gleich was los ist.“ Im Stadion habe ich versucht zwischen den Leuten durchzugucken, irgendwie habe ich dort wohl Feuer gefangen.

Erinnern Sie sich an die Eintrittspreise in den ´30er-Jahren?

Ich weiß es nicht mehr exakt. Ich bin mir aber sicher, dass ich entweder kostenlos reingekommen bin oder maximal 50 Pfennig zahlen musste. Mein Vater mag vielleicht 2 Mark bezahlt haben. Das war für die Stehplätze gängige Praxis, die Leute haben ja auch nicht viel verdient. Mein Vater hatte damals ungefähr 50 Mark im Monat verdient. Als Vergleich: Der Laib Brot lag bei ca. 90 Pfennig.

1938 hat Hannover 96 im Wiederholungsspiel gegen den hohen Favoriten Schalke 04 die erste deutsche Meisterschaft gewonnen. Wie haben Sie dieses Spiel erlebt?

Natürlich erinnere ich mich, ich war ja schon 96-Anhänger geworden. Wir besaßen weder ein Radio, geschweige denn einen Fernseher. Ich kannte jedoch einen Freund, dessen Eltern hatten einen dieser Volksempfänger. Die Mutter hat das Radio in der Küche auf „Vollgas“ gestellt und wir Kinder haben auf dem Hinterhof am Fenster das Spiel verfolgt. Wir waren hellauf begeistert! Die Mannschaftsaufstellung konnte ich bestimmt 40 Jahre lang aufsagen, das waren die berühmten Namen um Pritzer, Sievert, Deicke, Petzold und die Brüder Meng.

Machte sich dieser Erfolg im Stadtbild bemerkbar oder blieb es bei der Begeisterung einzelner?

Damals war es noch sehr moderat. In der Summe war das keine überquellende, monatelange Begeisterung. Zumal 96, glaube ich, auch schnell wieder dafür gesorgt hat, dass das Ergebnis in Vergessenheit gerät, da sie sehr schlecht in die nächste Saison gestartet sind.

Können Sie sich noch an die internationalen Spiele in den 1930ern erinnern?

Als Österreich an Deutschland angeschlossen wurde, wurden auch Spiele zwischen deutschen und österreichischen Mannschaften vereinbart. Hannover 96 bestritt ein Freundschaftsspiel gegen Rapid Wien, die damals bekannteste Vereinsmannschaft aus Österreich. Im Tor spielte Raftl und vorne der Mittelstürmer Franz „Bimbo“ Binder. Ich erinnere mich noch an die Szene, als der Binder aufs 96er Tor schoss, aus locker 30 Metern, eine richtige Granate. Ludwig Männer, der damals schon einen sehr kahlen Schädel hatte, flog waagerecht über den Boden und köpfte den Ball raus. Das werde ich nie vergessen.

Wir sprechen über eine Zeit, in der das deutsche Vereinswesen größtenteils von nationalsozialistischer Gleichschaltung geprägt wurde. Wie haben Sie die Verbindung zwischen Sport und Politik in Hannover erlebt?

Große Aufmärsche habe ich während der Zeit nicht mitbekommen. Ich habe aber später gelesen, dass Hannover 96 bei den Märschen am 01. Mai auch eine Abordnung gestellt hat. Intern hat es gerade bei 96 ein Problem gegeben mit den Nationalsozialisten. Die Vereinsführung war immer vorne dabei, hier wurden die Nazis auch bewusst unterstützt. Später gab es keinen Vorsitzenden mehr, sondern einen Vereinsführer. Ich meine, dass Hannover 96 das mit als erste umgesetzt hat, wobei die Arbeitervereine ein bisschen zurückhaltender waren.

Was änderte sich nach dem Krieg, wie lässt sich das Verhalten der Anhänger am ehesten beschreiben?

Natürlich schon begeisternd. Allerdings nicht organisiert, vielmehr spontan. Heute ist das deutlich alles strukturierter und teilweise ausufernd. Was ich feststellen muss: Es verhielt sich damals fairer, da wurden keine Spieler beleidigt. Wenn ein Spieler verletzt am Boden lag, wurde nicht „Auf Wiedersehen“ gesungen. Auch das Verhalten gegenüber den Schiedsrichtern war sportlicher und respektvoller. Gesänge, Fahnen und Trommeln? Das kam alles erst später auf.

Wie verhielt es sich mit der regionalen Konkurrenz der Roten?

In den 50er-Jahren war Arminia Hannover durchaus ein Konkurrent, die hatten eine tolle Mannschaft. Ich bin derzeit sowohl zu 96, als auch regelmäßig zur Arminia gegangen. Die besaßen gute Spieler, u.a. Lothar Ulsaß und Fritz Apel. Wir wohnten damals am Goetheplatz, schräg gegenüber führte der Arminia-Spieler Werner Grabitz sein Tabakgeschäft. Grabitz war in den 1950er-Jahren der Torwart von Arminia überhaupt. Ich hatte inzwischen angefangen zu rauchen und kaufte meine Zigaretten bei ihm. Dort standen immer drei bis vier Leute in der total verqualmten Bude und diskutierten über Fußball. So hatte ich auch meinen Bezug zu Arminia, bin aber eigentlich immer wieder bei 96 gelandet.

Die zweite deutsche Meisterschaft war eine noch größere Sensation als die Erste. 1954 gewann unsere Mannschaft vor knapp 100.000 Zuschauern in Hamburg mit 5:1 gegen den haushohen Favoriten aus Kaiserslautern. Wie haben Sie das Spiel und die Feierlichkeiten wahrgenommen?

Dieser Nachmittag war ein Musterbeispiel dafür, wie ein Verein mit mannschaftlicher Geschlossenheit und dem unbedingten Siegeswillen, einen solch haushohen Favoriten schlagen kann. Als sich das angebahnt hat, waren wir zu Hause alle angetan. Ich hing bald „unter der Lampe vor Begeisterung, meine Frau war da sicherlich etwas zurückhaltender. Gleich am nächsten Morgen bin ich zu meiner damaligen Chefin gegangen und habe um Urlaub gebeten, somit konnte ich die Ankunft der Mannschaft miterleben. Die wurde mit offenen Wagen durch die Straßen in Richtung Stadion gefahren, der Bahnhofsvorplatz wirkte schwarz vor Menschen. Hinzu kam, dass die Mannschaft von Viktoria Linden –wie ich meine- am gleichen Wochenende die Deutsche Meisterschaft im Rugby gewann, Hannover hatte sich kurzzeitig als führende Sportstadt etabliert.

1956 wurde das Eilenriedestadion zum neuen Sportgelände des Vereins, die Heimspiele wurden aber größtenteils im Niedersachsenstadion ausgetragen. Für welches Stadion konnten sich die Fans damals mehr begeistern?

Das Niedersachsenstadion war nach Eröffnung eigentlich immer eins der meistbesuchten Stadien im Norden, nicht nur beim Fußball, auch bei Leichtathletikveranstaltungen. Ich war beim Eröffnungsspiel anwesend, ebenfalls keine Fußballveranstaltung, sondern ein Handballspiel: Das Stadion wurde offiziell eröffnet mit der Handball-Begegnung zwischen Deutschland und Norwegen, vor sicherlich 20.000 Zuschauern. Ich habe dort viele Spiele gesehen, Pokalendspiele, Halbfinals und ein Länderspiel gegen Ungarn. Ich stand oben auf dem riesigen Wall der heutigen Westtribüne, damals noch ohne Dach. Imposant, eine tolle Sache!

Hat man die Tatsache, dass keiner der hannoverschen Meisterschaftshelden bei der WM-Endrunde in der Schweiz für Deutschland nominiert war, als Ungerechtigkeit empfunden?

Ja, man hat sicherlich zunächst gehetzt. Aber: Man hat ja dann doch anerkannt, dass die anderen etwas draufhaben. Ich habe mich zuvor mal bei einem Auswahlspiel der Deutschen im Hindenburgstadion über einen Außenspieler einer westdeutschen Mannschaft geärgert und erlaubte mir den Kommentar: „Menschenskind, da hätten sie mal den Heinz Wewetzer aufstellen sollen!“.

 Dann kam Bremen, wo ich zum ersten Mal das Fahnenschwenken während eines Spiels erlebte. Das gab es vorher so nicht.

Zur Saison 63/64 wurde die Bundesliga eingeführt, was änderte sich fortan für Sie persönlich? Unter mysteriösen Umständen wurde Hannover 96 nicht zum Gründungsmitglied der Bundesliga, ausgerechnet der regionale Konkurrent Eintracht Braunschweig profitierte von dieser Entwicklung. Für einige Anhänger gilt dies als „Gründungsmythos“ der Rivalität beider Vereine, haben Sie die Feindseligkeiten um 1963/64 bereits wahrgenommen?

Ich fand das natürlich auch enttäuschend. Wenn ich nun rückblickend überlege, weiß ich aber nicht, ob das zu dieser Rivalität hätte führen müssen. Eintracht Braunschweig konnte ja nun eigentlich auch nichts dafür. Das waren die Regeln, die der Deutsche Fußballbund festgelegt hat, da musste man sich auf beiden Seiten mit abfinden. Ich finde es heute noch schade, dass sich diese Rivalität in der Form fortgesetzt hat und hoffe, dass das in der nächsten Saison nicht eskaliert. Ich wünsche mir, dass es richtig tolle Derbys werden, an denen jeder seinen Spaß haben wird. Aber das ist wohl eine vergebliche Hoffnung, es wird wohl richtig zur Sache gehen.

Wie haben Sie das „Wunder von Wuppertal“ (1973) erlebt?

Das Spiel habe ich in Hänigsen im Schwimmbad verfolgt, es war ein ziemlich heißer Tag. Einer hatte da so ein Kofferradio auf seiner Decke, um ihn herum standen die fußballbegeisterten Männer und haben sich die Übertragung angehört. Eine bewegende Sache, dass 96 das noch geschafft hat.

Gab es zu dieser Zeit schon eine wahrnehmbare Auswärtskultur?

Persönlich habe ich fast keine Auswärtsspiele gesehen, damals fehlte mir das nötige Geld. Eine Ausnahme bildete das Spiel 1964 in Bremen. 1964/65 war die erste Saison, in der 96 Bundesliga spielte, der SV Werder Bremen wurde anschließend Meister. Hannover war mit Siegen gegen Köln und Dortmund toll gestartet, verlor dann aber das dritte Spiel in Nürnberg. Dann kam Bremen, wo ich zum ersten Mal das Fahnenschwenken während eines Spiels erlebte. Das gab es vorher so nicht. Beim Spiel in Bremen war ein 96er, der intensiv seine Fahne schwenkte, sodass man zeitweise gar nichts sehen konnte. Zeitgleich wurde es auch unfairer mit den Zwischenrufen. Ich kann mich noch gut an den Bremer Klaus Matischak erinnern, ein toller Mittelstürmer. Mit einmal brüllten einige Hannoveraner um uns herum „Matischak, alter Sack!“.

Zu ihrem Leidwesen?

Ja, eigentlich schon. Allgemein empfand ich das Klima früher als sportlicher und fairer. Wer selbst aktiver Sportler war, weiß, dass man Schmähungen nicht so gerne hat.

Als größter Erfolg der jüngeren Vereinsgeschichte gilt der Gewinn des DFB-Pokals 1992 in Berlin. Wie haben Sie den Weg ins Finale und den Pokalsieg wahrgenommen?

Ein Freund ehemaliger Tage hatte nach dem Krieg eine polnische Frau geheiratet. Wir hatten nach der Wende, inzwischen waren über 40 Jahre vergangen, zum ersten Mal wieder Kontakt. Der kannte Roman Wojcicki und rief mich nach dem Spiel an und sagte „Mensch, was war das denn für ein Spiel!“. Insofern habe ich noch viel mehr über dieses Spiel gelesen und es natürlich auch vor dem Fernseher verfolgt. Es war ja insofern interessant, weil wir vorher eine Reihe von Bundesligisten ausgeschaltet hatten. Dadurch wuchs die Spannung immer mehr. Jedes Mal dachten wir: „Ach, jetzt kommt wieder ein Bundesligist, werden wir wohl nicht schaffen“.

Pünktlich zum 100-jährigen Vereinsjubiläum stand der Verein sportlich und finanziell am Abgrund. Wie besorgt waren Sie, als Hannover 96 in der Saison 1995/96 aus der Zweiten Bundesliga abstieg?

Große Sorgen habe ich mir um Hannover 96 eigentlich nie gemacht. Ich hatte immer im Hinterkopf, dass der Verein Hannover 96 nicht untergehen würde. Wir haben sehr viel Krisenjahre und finanzielle Probleme überwunden, immer wieder gab es aber auch gute Leute wie Franz Gerber, die es irgendwie geschafft haben.

Ihr prägendstes Ereignis der jungen Vergangenheit?

Generell sind mir am meisten die Aufstiege in Erinnerung geblieben, auch das Aufstiegsjahr 2002 unter Ralf Rangnick. Ich fühlte mich zurückversetzt in die Saison 1963/64 und die Ereignisse um das Aufstiegsendspiel gegen Hessen Kassel. Vor sicherlich 60.000 Zuschauern haben wir damals im Niedersachsenstadion gesungen:„So ein Tag, so wunderschön wie heute“, wohlgemerkt ohne einen Vorsänger. Walter Rodekamp war ein toller Spieler, den habe ich noch gut in Erinnerung. Horst Podlasly im Tor war super, auch der hat mir immer viel Spaß gemacht.

Vor dem Radio hörten wir, dass Hannover 96 das erste Spiel der Oberliga Nord gegen den Hamburger Sportverein mit 0:10 verloren hat. Aber es wurde besser: Beim nächsten Spiel gegen den FC St. Pauli verloren wir lediglich mit 0:5.

Die Mannschaft von 1963/64 also ihre Lieblingself?

Schwer zu sagen, es waren ja auch immer mehr als Elf. Die 1964er-Mannschaft mochte ich aber schon ganz gerne, die Aufstiegself von Ralf Rangnick allerdings genauso gerne. Deshalb sage ich ja, die Aufstiegsjahre, die haben mir immer besonders gut gefallen. Unter Rangnick habe ich das 6:0 gegen Schweinfurt gesehen, wieder kamen die Gesänge: „Ein Tag, so wunderschön wie heute“.

Wie regelmäßig haben Sie die Roten über die Jahrzehnte im Stadion verfolgt?

Eine Dauerkarte habe ich überhaupt erst seit dem Aufstieg 2002, seitdem aber auch kontinuierlich. Davor war das sehr unterschiedlich, manchmal habe ich fünf Spiele pro Saison gesehen, manche Jahre auch gar keine im Stadion. Gerade zu den Zeiten, als ich selbst noch sportlich aktiv war und sonntags Handball gespielt habe, war das nicht immer ganz einfach. Später wurden auch andere Sachen wichtig, beispielsweise die Erziehung der Kinder. Dann konnte es gut sein, dass man ein ganzes Jahr lang kein 96-Spiel im Stadion gesehen hat. Aber verfolgt habe ich es natürlich immer.

Also gab es auch Höhen und Tiefen hinsichtlich ihres Fandaseins?

Ganz klar! Die Höhen gab es sicherlich gleich nach dem Krieg, als das Vereinsleben so langsam wieder in den Gang kam. Sonnabends haben wir regelmäßig im Dorfkrug „Zur Linde“ getanzt, irgendwann kamen dann die Nachrichten und wir alle versammelten uns am Tresen vor dem Radio. Dort hörten wir, dass Hannover 96 das erste Spiel der Oberliga Nord gegen den Hamburger Sportverein mit 0:10 verloren hat. Aber es wurde besser: Beim nächsten Spiel gegen den FC St. Pauli verloren wir lediglich mit 0:5.

Registrierten Sie spürbare Veränderungen hinsichtlich des Stadionbesuches?

Als das Niedersachsenstadion gebaut war, gab es überwiegend Stehplätze. Anschließend an die Laufbahn gab es in den ersten Reihen zwar auch Sitzplätze, der riesige Wall hingegen bestand größtenteils aus Stehplätzen. Als junger Mann hat man das damals noch gut ertragen, mit heute über 85 Jahren könnte ich das nicht mehr.

„Wisst ihr, Fußball ist etwas anderes als Opernfestival. Da ist Stimmung, da wird eine andere Sprache gesprochen, die so mancher auch gar nicht versteht…“

Wie verhielt es sich mit der Stimmung, den Emotionen?

Stimmungsmäßig war es damals noch nicht so ausufernd wie heute. Heute existiert mehr Stimmung, weil mehr Stimmung veranstaltet wird. Was der Block der Roten Kurve da heute macht, an Stimmung in Gang bringt, dass finde ich schon toll. Wenn das nicht wäre, dann würde das alles wesentlich langweiliger ablaufen, das hat man ja jetzt auch während des Boykotts gespürt. Bei uns ist es so, dass wir uns in der Reihe inzwischen alle so lange kennen, dass wir fast gleichmäßig Stimmung machen und mitsingen. Wir erfreuen uns an den Gesängen, auch wenn der Kern mal nicht mitmacht, bei uns wird trotzdem gesungen, wenn auch nicht so laut. Wir kennen uns gut und sind manchmal richtig freundschaftlich verbunden.

Inwiefern hat sich das Publikum verändert?

Wir saßen kurz nach dem Aufstieg mal eine Zeit auf der Westtribüne, das war ganz anders. Wir haben uns dann, als die Nordtribüne fertig umgebaut war, entschieden, zurückzugehen, auch wegen der Atmosphäre. Auf der Westtribüne erlebten wir überwiegend Leute, die nur knitterig waren und immer meckerten. Das war so nicht zu ertragen.

Erleben Sie Rücksicht der jüngeren Stadionbesucher?

In der Nordkurve habe ich es besonders gut, die Jungs sind alle sehr nett zu mir. Oft erlebe ich vollgestellte Mundlöcher, wenn ich vor Spielbeginn mit meinem Gehstock das Stadion erreiche. Dann sagt immer mal einer: „Kommt, macht mal Platz!“ und hilft mir gegebenenfalls. Fantastische Leute, die Jungs und auch die Frauen, für mich ein ganz anderes Erlebnis als auf der Westtribüne.

Den Wandel der Fankultur über die Jahrzehnte, wie würden Sie den grob beschreiben?

Grundsätzlich als positiv. Das Anheizen, die Stimmung, das gefällt mir doch deutlich besser. Früher stand dort natürlich keiner mit einem Megafon, auch Trommeln gab es zunächst nicht. Solange das alles nicht ausufert, finde ich das super. Ich habe überhaupt keinen Grund, mich über die Situation heute zu beschweren. Selbst dann nicht, wenn ab und an mal Pyrotechnik eingesetzt wurde.

Gab es Ausnahmen?

Ich bin noch nie in Verlegenheit gekommen, ängstlich zu sein. Auch nicht beim Verlassen des Stadions, auf dem Weg zu meinem Parkplatz an der Lavesallee, wo wir häufiger auf auswärtige Gästefans stoßen. Das läuft immer problemfrei. Ich betone es auch jetzt immer wieder, gerade weil man auch oft mit Leuten zusammenkommt, die nur aus der Presse meinen zu wissen, was bei solchen Spielen los ist. Diesen Leuten muss ich erklären, dass das, was sie zuvor in den Medien mitbekommen haben, größtenteils gar nicht stimmt. Ich sage dann immer: „Wisst ihr, Fußball ist etwas anderes als Opernfestival. Da ist Stimmung, da wird eine andere Sprache gesprochen, die so mancher auch gar nicht versteht. Das ist alles sehr viel rustikaler und hemdsärmeliger, aber das ist ja gerade die Stimmung, die man dort braucht.“ Insofern besteht da ein großer Unterschied zu den Dingen, die in den Medien dargestellt werden und denen, die tatsächlich stattfinden. Ich hatte auch bei dem Einsatz von Pyrotechnik nie das Gefühl, dass ich oder auch die, die dort gezündelt haben, gefährdet sind. Ich muss das auch nicht unbedingt haben und empfinde es als störend, wenn man den Qualm hinterher einatmen muss. Aber ich kann es ertragen und irgendwo gehört es auch dazu. Ich kann nicht nachvollziehen, dass das so rigoros verboten wird.

Stimmen die Verhältnismäßigkeiten in den Beurteilungen dieser Aktionen?

Nein, auch solche Sachen wie die Streitereien um die Haarmann-Fahne. Mein Gott, was ist dabei? Haarmann ist immer eine hannoversche Institution gewesen, das gehört auch mit zum Fußball. Auch wenn das nicht immer schön ist: Das muss man wissen, wenn man zum Fußball geht.

In der Summe ist eine traurige Situation entstanden. Um das wieder aufzulösen, bräuchte es auch ein Entgegenkommen seitens des Vereins, nicht aber weitere Maßnahmen, die mit Fußball nichts mehr zu tun haben.

Wir haben uns über die Protestaktion „Brief an Kind“ kennengelernt. Wie sind Sie darauf gestoßen?

Ich habe den im Internet entdeckt, ihn dann ausgedruckt und in Ruhe gelesen. Nachdem ich versucht habe, alle Argumente nachzuvollziehen, habe ich mit meiner Tochter gesprochen. Wir waren beide der Meinung, dass wir das zutreffend finden und haben unterschrieben. Gerade nach der Achim-Geschichte, die nach den ersten Pressemitteilungen ganz anders zu verstehen war. Langsam klärte sich jedoch auf, dass es um sich eine Aktion der Polizei handelte, die in meinen Augen unmöglich war. Nur weil es einzelne Vorkommnisse gab, kann man doch nicht mehrere Hundert Leute in Haft nehmen! Das verhielt sich genauso, wie die pauschale 5 Euro-Geschichte beim Heimspiel gegen Anzhi. Diesen Aufschlag habe ich schriftlich gegenüber Hannover 96 moniert und habe angemerkt, dass man die Eintrittskarten für die nächste Auswärtsfahrt um 5 Euro ermäßigen müsse.

Gab es eine Reaktion?

Es folgte überhaupt keine Antwort! Eine Reaktion habe ich in einem anderen Fall erhalten, als ich die Schwierigkeiten beim Zugang zu meinem Block N15 bemängelt habe. Damals habe ich, auch wenn sie meine Argumente nicht verstanden haben, wenigstens das Gefühl gehabt, dass sich gekümmert wurde. Das war immerhin eine Antwort, wegen der 5-Euro-Sache habe ich jedoch gar keine Rückmeldung bekommen. Deswegen habe ich auch gesagt, ich unterschreibe diesen Brief. Meine Tochter sowie meine Enkeltochter im Übrigen auch.

Was haben Sie sich von der Protestaktion versprochen?

Ich hab eigentlich nur auf eine vernünftige Antwort gewartet, aber die hat es ja nie gegeben. Das Antwortschreiben von Herrn Kind ist mir bekannt, das ist in der Form enttäuschend. Nun ist es natürlich auch so, dass der Verein das gar nicht groß aufgreifen will. Da denkt man schon: Die wollen uns als Fans gar nicht mehr haben. Im Grunde genommen sind wir schmückendes Beiwerk.

Woran liegt das?

Die verstehen uns gar nicht. Zumindest Herr Kind versteht einfach nichts von Fankultur. Der führt seinen Verein wie ein Unternehmen und ist damit ja auch erfolgreich gewesen. Nur muss er das immer unter Rücksicht und im Zwiegespräch mit seinen „Kunden“ machen. Das begreift er offenbar nicht. Schade!

Fühlen Sie sich nach fast 80 Jahren weiterhin erwünscht oder sehen Sie sich als eine Art notwendiges Übel?

Ich hatte mich damals eigentlich gefreut, als bei meiner Anmerkung zum erschwerten Erreichen des Blockes eine Antwort kam. Herr Ebert begegnete mir da in vernünftiger, sachlicher Art und Weise, auch wenn wir inhaltlich nicht übereinstimmten. Das war eine Reaktion, wie sie sich gehörte. In dem Fall des offenen Briefes war die Reaktion unmöglich. Das ist ungerecht, gerade weil die Leute schon so viel auf die Beine gestellt haben für den Verein. Und das unter großen persönlichen und finanziellen Opfern, wie das ja auch in dem Brief beschrieben wurde. Wie hätte das denn in Sevilla funktionieren können, wenn diese Begleitung nicht stattgefunden hätte? Nicht begreifbar, dass die das nicht sehen wollen und meinen, sie könnten so ein Fußballspiel wie einen Opernbesuch abwickeln.

Die organisierte und zum Teil auch kritische Fankultur fühlt sich missverstanden und klagt über eine geringe Wertschätzung seitens des Vereins. Wie empfinden Sie das Verhältnis zwischen Teilen der Anhängerschaft und Hannover 96?

Man kann überhaupt nicht verstehen, dass ein Präsident seine Anhänger pauschal beleidigt. Im Grunde genommen sind für ihn ja alle im Bereich N16/17 „Arschlöcher“, er hat da ja keine Einschränkungen gemacht. Wenn man sich diese Entwicklung fortsetzen sieht, muss das irgendwann schiefgehen. Es ist ganz typisch gewesen: Immer wenn es bei 96 sportlich nicht lief, kam nur noch der harte Kern, der immer zu Hannover 96 stand. Teilweise waren das 2.500 Leute bei einem Heimspiel. Bei Ausbleiben des sportlichen Erfolges würde der Zuschauerschnitt in Hannover schnell wieder sinken.

Hannover 96 ist also nicht das viel zitierte Premiumprodukt?

Man guckt ja auch mal in andere Foren, da wird Hannover 96 überwiegend als „Gurkentruppe“ bezeichnet. Die allgemeine, bundesweite Wahrnehmung von Hannover 96 ist noch nicht die eines Spitzenvereins. Da muss noch viel getan werden, was allerdings nicht klappt, wenn man schon die eigenen Anhänger so verärgert.

Gemeinsame Gesprächsrunden wurden beendet, der Versuch über einen offenen Brief zu kommunizieren, scheint ebenfalls gescheitert. Welche Möglichkeiten bestehen überhaupt noch, das angesprochene Verhältnis zu retten?

Ich weiß nicht, ob es innerhalb des Vereins Leute gibt, die in der Lage sind, das Verhältnis zu verbessern. Oder ob da jemand mäßigend auf Herrn Kind einwirken kann. Er müsste eigentlich lernen, dass es mehr Verständnis braucht, um mit den Leuten zu diskutieren. Da war die Rote Kurve als Organ eigentlich schon der richtige Ansprechpartner, um mit den gemäßigten Vertretern des Vereins zu diskutieren. Wahrscheinlich gibt es aber auch zu wenige Möglichkeiten, die hannoversche Presse dort miteinzubeziehen. Die Leute, die dort schreiben, sind ja irgendwo auch abhängig von Martin Kind. Ein Spruch aus dem Internetforum „das-fanmagazin“ ist mir da besonders hängen geblieben: „Die KGaA hat immer recht.“

Ermüdend?

Es ist doch klar, dass die Leute der Roten Kurve, die sich dort aktiv mit einbeziehen und vom Verein nicht wahrgenommen werden, irgendwann abbrechen. Das Ganze lebt nur von denen paar Leuten, die sich engagieren. Die Masse wartet immer auf Leute, die mit positivem Beispiel vorangehen. Das kann man aber von keinem erwarten, der dass hobbymäßig nebenbei betreibt. Da kann ich jeden gut verstehen, der irgendwann die Lust verliert. In der Summe ist eine traurige Situation entstanden. Um das wieder aufzulösen, bräuchte es auch ein Entgegenkommen seitens des Vereins, nicht aber weitere Maßnahmen, die mit Fußball nichts mehr zu tun haben.

Worauf spielen Sie an?

Man liest ja Sachen, da muss man sich wundern. „Was darf man denn nach Hannover mitnehmen?“, hieß es neulich in einem Forum. Dass da Kataloge aufgeführt werden, was erlaubt ist und in welcher Größe,…. ist das nicht grausam? Wenn ich etwas zu melden hätte, würde ich auf diese Kontrollmaßnahmen verzichten und bestimmte, geschulte Mitarbeiter an den richtigen Stellen postieren. Wenn etwas passiert, sollten diese auch die Möglichkeit haben, einzugreifen. Diese blödsinnigen Kontrollen frustrieren mich, ich als alter Knabe kann doch sowieso alles mit reinnehmen.

Die Heimspiele verfolgen Sie seit vielen Jahren aus dem Block N15, so auch in der nächsten Saison?

Es ist so, dass ich Probleme mit meiner Arthrose im Knie habe. Das Laufen über den holprigen Schützenplatz ist für mich nicht mehr so ganz ungefährlich. Wenn man anschließend noch lange bei der Kontrolle ansteht, ist das auch nicht besonders schön. Das ist ein Grund, weshalb ich überlege, die Dauerkarte zu verlängern. Der Zweite ist, dass ich mir sage: „Mensch, hier wird etwas kaputtgemacht, willst du das noch unterstützen?“. Da bin ich im Zweifel, gerade gestern habe ich darüber mit meiner Frau gesprochen, die sagt dann: „Sprich mal mit deiner Tochter, die wird dich schon überzeugen!“. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich es nicht. Ich weiß es echt noch nicht. Auf der einen Seite ist es trotz der körperlichen Einschränkungen immer noch schön, aber diese Art und Weise, wie die Vereinsführung mit den Fans umgeht, finde ich einfach abscheulich. Das ist nicht in Ordnung.

Sie haben an zwei Meisterschaften, einem Pokalsieg und diversen Wendepunkten der Vereinsgeschichte teilhaben können. Gibt es auf sportlicher und privater Ebene trotzdem noch etwas, was Sie sich für Hannover 96 wünschen und gerne miterleben würden?

Rein sportlich würde ich mir wünschen, dass Hannover 96 auf Dauer in der Ersten Bundesliga bleibt. Europa League ist schön, muss aber nicht sein. Es gibt genügend Vereine, die vorgemacht haben, dass man auch ohne große finanzielle Hintergründe durchaus erfolgreich sein kann. Als Beispiel nenne ich gerne den SC Freiburg, was dort geleistet wird, ist klasse.

Und persönlich?

Ich wünsche mir, dass diese Querelen zwischen Fans und Vereinsführung ein Ende haben. Auch für Sie wünsche ich mir, dass Sie wieder Lust entwickeln, mitzumachen und positiv auf das Ganze einzuwirken.

Herr Nöthel, vielen Dank!

 

3 Antworten to “„Fußball ist etwas anderes als Opernfestival“ – BaK-Interview mit Wilhelm Nöthel”

  1. Klaas Reese (@Sportkultur) Juli 3, 2013 um 4:05 pm #

    Ganz großes Interview. Vielen Dank dafür!

  2. Thorsten Juli 9, 2013 um 10:48 am #

    Danke euch für die Arbeit, echt starke und ergreifende Zeitgeschichte. Möge Herr Nöthel erhört werden und noch lange gesund bleiben (sollte man nicht separiert vereinfacht Einlass in das Niedersachsenstadion ermöglichen?!)

  3. Garbsener Juli 29, 2013 um 9:13 am #

    Ein tolles Interview, vielen Dank! Die Siege von Wilhelm Nöthel bleiben einzigartig. Die Geschichte von Vater und Sohn werden sich wohl noch millionenfach wiederholen. Auch ich bin durch meinen Vater (Sport- und Reportagefotograf bei der Hannoverschen Allgemeinen) in 70ern zum Fußball gekommen. Mit meinem Sohn, jetzt 2 Jahre werde ich hoffentlich nächsten Sommer im Garten kicken. Meine Frau kam sogar auf die Idee das Kinderzimmer ganz in Fussballmanier zu gestalten!

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